Prüfer, Vatersein

Tillmann Prüfer, Vatersein, Warum wir mehr denn je neue Väter brauchen, Kindler (Rowohlt Verlag) Hamburg 2022


Der Journalist –ZEITmagazin Leben– hat ein spannendes und inspirierendes Buch über das Vatersein geschrieben. Seine Grundthese ist, dass Väter oft nicht sagen, was sie wollen und was sie sich von ihrer Vaterschaft versprechen und was sie ihren Kindern geben wollen. Jetzt gibt es aber nach Meinung des Autors die historische Möglichkeit aus dem Muster tradierter Männerrollen auszubrechen und damit auf nachfolgende Fragen eine Antwort zu finden: Wie werden wir alle glücklicher? Was sollen meine Kinder davon haben? Seine Forderung ist, dass die Väter eine eigene Haltung zum Vatersein und der aktiven Gestaltung dieser Rolle definieren müssen.  

Die Chance für die Väter speisen sich aus den persönlichen Erfahrungen des Autors: „Meine Mutter war damals für mich die fürsorgende Person, die mich umarmte. … Der Vater aber war der, der mir bei Schwierigkeiten zu Hilfe eilte.“ Vaterschaft scheint heute eine komplizierte Angelegenheit zu sein. Man möchte es richtig machen, aber man weiß nicht genau, woran man sich halten soll. Der gute Vater wird ständig neu ausgerufen. Wir benötigen eine positive, lustvolle Definition von Vaterschaft. Ein Vater soll sich überlegen, auf welche Weise er ein Gewinn sein kann und nicht welche problematischen Aspekte er verkörpert. Aber die Ansprüche, die Väter an sich selbst haben und die von außen an sie herangetragen werden haben eine Geschichte. Außerdem steht das Vaterbild in engem Zusammenhang mit dem Männerbild.

Väter leben heute in zwei Welten: Einerseits möchten Sie möglichst viel Zeit damit verbringen, den Kinderwagen um den Block zu schieben. Andererseits sollen sie auch ein erfolgreicher Mann sein. Viele Väter würden gerne weniger arbeiten, es fehlt aber an realen und realistischen Vorbildern. Dabei kommt dann oft zum Tragen, dass Männer Hilfe bei dieser Entscheidung oft nicht als das Einholen zusätzlicher Kompetenzen, sondern als Eingeständnis von Schwäche betrachten.

Was ist also zu tun? Moderne Väter sollten sich zunächst vergegenwärtigen, dass man kein Supervater sein muss. Der Autor gibt den Tipp, mach dir einen Plan, in welche Richtung man sich bewegen will. Und dann führe eine Diskussion mit der Partnerin, was eine gute Vaterschaft eigentlich ist. Dann sollte man eine tiefe Beziehung zum Kind aufbauen, denn sie zeigt uns, was für eine gute Vaterschaft wichtig ist. Je mehr man weiß, wer und was einen geprägt hat, je besser man sich kennt mit allen Einflüssen und Verletzungen. Also zunächst ein Nachdenken über sein Selbstbild. Dann sollte man eigene Werte formulieren, was will man den Kindern eigentlich vermitteln? Mach Fehler – und steh dazu!
Als Vorschlag für die Praxis stellt der Autor eine „Zeittorte“ für Paare vor, d.h. wie viele Stunden verbringe ich jetzt mit bestimmten Tätigkeiten und wie will ich den Tag nutzen, wenn das Kind da ist?
Also gemeinsame Zeit verbringen mit gemeinsamen Tätigkeiten.

Es geht um Vaterschaft in ihren verschiedenen Stadien, mit jungen Kindern bis auch um die Jahre, nachdem die Kinder ausgezogen sind. Vermutlich braucht niemand die Unterstützung durch den Vater dabei so sehr wie ein Junge. Der Vater kann das Gegenbild zu all den Bildern und Modellen in den Medien sein. Väter sollten Söhnen als Beispiel für positives männliches Verhalten dienen.
Und für später gilt: Wenn die elterlichen Perspektiven infrage gestellt werden, ist das keine Unverschämtheit der Kinder. Es bedeutet, dass die Kinder die eigenen Eltern würdigen.

Jedes Ende des Patriarchats ist für Männer und besonders für Väter also eine Befreiung. Es bietet die Chance, so Väter sein zu können, wie wir es uns wünschen. Das Beste, was Väter für Ihre Kinder tun können, ist ihnen vorzuleben, was Erwachsensein bedeutet. Eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.

Es muss auch für einen Mann erfüllend sein dürfen, sich hauptsächlich um die Kinder zu kümmern, und er muss von seiner Partnerin dafür geschätzt werden. Ansonsten wird sich in der Gesellschaft wenig für die Männer ändern. Dafür ist es am besten, wenn das Paar sich gemeinsam die Rollenaufteilung in ihrer Beziehung bewusst macht und diskutiert.
Tiefe Bindungen zu den Kindern kann man nicht zu jedem Zeitpunkt aufbauen. Und als Vater muss man seine eigenen Weisheiten sammeln. Und diese unseren Kindern weitergeben.  

Warum verändert sich dennoch strukturell so wenig im Vatersein? Im Buch wird auf das Väterleben in zwei Welten, die ständig im Konflikt miteinander sind, verwiesen. Väter sollen Netzwerke aufbauen und um die Beziehung zum Kind und um die Zeit kämpfen (mit dem Arbeitgeber und der Partnerin, Freunde suchen und darüber sprechen). Das Buch stellt Fragen und gibt Anregungen, Spielräume zu nutzen und plädiert eindrücklich dafür, bewusst Vaterschaft als Lebensentscheidung zu treffen.

Jürgen Döllmann

Stichworte: Vater, Vater und Kind

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