Marschütz, Gender Ideologie!?

Marschütz, Gerhard, Gender Ideologie!? Eine katholische Kritik, Würzburg (echter) 2023

Die Notwendigkeit zu diesem Buch hat eine weitere Einlassung zur so genannten „Gender-Ideologie“ aus höchsten kirchlichen Kreisen, diesmal von Papst Franziskus selbst, unterstrichen. Der Papst sprach von der „hässlichsten Gefahr“ dieser Ideologie heutzutage. Sie mache alles gleich und sie würde die Menschheit auslöschen. https://www.katholisch.de/artikel/51517-erkrankter-papst-franziskus-wettert-gegen-gender-ideologie.

Marschütz setzt dieser pauschalen und uninformierten Verurteilung in seinem Buch eine sachliche Diskursanalyse entgegen. Er untersucht relevante Autor*innen, die die These des Papstes und vieler im konservativen Spektrum der katholischen Kirche Handelnden befeuern, auf ihre Sachlichkeit und Wissenschaftlichkeit, die jene von ihren Einlassungen behaupten. Autorinnen wie Gabriele Kuby und Birgit Kelle weist Marschütz falsche Darstellungen der in Frage stehenden Materie und eine vollkommen unwissenschaftliche Vorgehensweise nach. Auf der anderen Seite stellt er detailreich dar, was die Gender-Theoriebildung in den letzten dreißig Jahren zum Diskurs über Geschlecht beigetragen hat. Und das ist alles andere als eine Ideologie, sondern diskursoffene Forschung über Geschlechtlichkeit und Geschlechtergerechtigkeit. Der Genderforschung geht es der Analyse Marschütz‘ zufolge im Ergebnis vor allem um Anerkennung, wenn versucht wird, die Bedeutungen individueller Interpretationen eigener Geschlechtlichkeit und sexueller Orientierung für Menschen zu beschreiben. Anerkennung? Das ist doch nun wirklich ein christlicher Topos, könnte man meinen. Doch da hört der Spaß sowohl bei denen auf, die mit dem von Marschütz so genannten „Alltagstheorie“ über Geschlecht umgehen, nachdem nur Männer und Frauen erkannt werden, weil man sie zu sehen meint. Besonders rot sähen aber kirchliche Repräsentanten, wenn die Zweigeschlechtlichkeit als die einzige „göttliche“ Möglichkeit, Geschlecht auszudrücken, in Zweifel gezogen werden.

Hier verläuft der Diskursgraben, den zuzuschütten Marschütz‘ Anliegen ist. Dabei versucht er aufzuzeigen, worum es bei der Debatte um Gender, Geschlecht und sexuellem Begehren geht, nämlich um Menschen. Um ganz konkrete Menschen, die sich zum Beispiel nicht im binären Geschlechtssystem wiederfinden, die im eigenen Körper eine andere Geschlechtlichkeit empfinden, als von außen gelesen wird. Um Menschen mit männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen. Oder anders ausgedrückt, um die ganze diverse Vielfalt, die die Natur hervorbringt und die der menschlichen Freiheit einheimgestellt ist, diese kulturell zu inkludieren. Ob eine andere, als die althergebrachte soziale Ausgestaltung von Geschlecht schadet oder nützt, entscheidet, so der Hausverstand vieler lebenserfahrener Menschen, kein kirchliches Lehramt oder eine Ideologie von Geschlecht, um die es sich in Wahrheit bei der Verfemung der so genannten „Gender-Ideologie“ handelt, sondern die Menschen selbst.

Um den Graben zwischen der Ideologie der Anti-Gender-Aktivist*innen und der Idee der Würde des*der Einzelnen* zu überwinden, schlägt Marschütz ein interessantes Konzept des Philosophen Avishai Margalit über die „anständige Gesellschaft“ vor (S.169-205). Dieses bezieht sich auf das grundlegende Recht eines jeden Menschen, würdig gemäß seines Menschseins behandelt zu werden. Der Alltagsverstand weiß eigentlich, wann Menschen anständig sind und wann nicht. Gesellschaftspolitisch anständig handelt ein Gemeinwesen, das alles dafür tut, damit Minderheiten, marginalisierte Gruppen und Menschen mit besonderem Vulnarabilitätspotential einen angstfreien Raum zu einem menschenwürdigen Leben haben. Leider lässt besonders in traditionell-katholischen bzw. fundamentalistischen Kreisen dieser Anstand zu wünschen übrig, wenn besonders in sozialen Medien unter dem Deckmantel, „die Familie“ retten zu wollen, sogar Hasstiraden gegen queere Menschen losgelassen werden. Allgemeiner wenden diese Kreise sich gegen die so genannte „Gender-Ideologie“. Dass damit konkrete Biografien von Menschen angegriffen werden, Mitchrist*innen noch dazu, wird durch eine pseudo-wissenschaftliche Argumentation verschleiert. So das Ergebnis von Marschütz‘ Analyse.

Beim Lesen dieses wichtigen Buches kommen immer wieder Gefühle des Fremd-Schämens auf. Wie kann es sein, dass derart schmallippig, verkrampft und hasserfüllt von „Gender-Ideologie“ gesprochen wird im Namen eines Gottes, der alles das, was „Gender“ ist und zu sein ermöglicht, geschaffen hat? Wie kann es sein, dass queeren Menschen die Nächstenliebe verweigert wird, nur weil sie darauf bestehen, sie selbst sein zu wollen? Wie kann es weiterhin sein, dass Christ*innen so unanständig sind, queeren Menschen das Soseindürfen zu verweigern? Ich weiß es nicht. Gerhard Marschütz, der emeritierte Ethikprofessor aus Wien, wahrscheinlich auch nicht. Wie dem auch sei: ihm ist zu danken, einmal mehr innerhalb des katholischen Kosmos den ganz großen Bogen gespannt und darauf insistiert zu haben, dass die Gleichheit der Personwürde aller, egal welcher geschlechtlichen Identität und welchem sexuellen Begehren zugehörig fühlend, einer der wichtigsten Grundtopoi des christlichen Menschenbildes ist.

Die Empfehlung des Rezensenten: unbedingt lesen!

Andreas Heek leitet die Arbeitsstelle für Männerseelsorge und Männerarbeit in den Deutschen Diözesen und koordiniert die Bundesarbeitsgemeinschaft für Queerpastoral in den Deutschen Diözesen in Düsseldorf.


Stichwort LSBTI

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