Theunert, Jungs, wir schaffen das

Markus Theunert, Jungs wir schaffen das, ein Kompass für Männer von heute, Kohlhammer, Stuttgart 2023

Der Untertitel des Buches ist Programm: Das Buch will einen Kompass an die Hand geben, der Wege aus der Orientierungslosigkeit weisen will. Es richtet sich an weiße heterosexuelle Männer mit westeuropäischen Wurzeln. Das Buch vermittelt Grundlagen aus Geschlechterforschung und Männerarbeit. Der Leser wird direkt angesprochen, insbesondere in den Hinweisen und Übungen. Angereichert wird das Ganz durch eigene Erfahrungen des Autors.

Der Zwang, ein männliches Selbstverständnis herstellen zu müssen besteht in der Unfreiheit, diese oder jene Verhaltensweise zu verweigern, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Ökologische und politische Bedrohung sind eng miteinander verzahnt, ihre gemeinsame Wurzel ist das Patriarchat als ein System von männlichen Regeln, weiches aber von Männern und Frauen gemeinsam getragen werden. Man kann mit dem Buch seinen persönlichen Prozess gestalten und sprechfähig werden in den aktuellen geschlechtspolitischen Debatten. Eine inhaltliche Bestimmung, was Mann sein ist, sucht der Leser vergebens. Es gibt kaum anerkannte, gewollte und geförderte Räume, um ein anderes Mannsein zu entwickeln und zu erproben. Das Buch will Denk- und Diskursräume öffnen, es nimmt Männer in die Verantwortung: leistet euren Beitrag: „Mach was du willst, setz dich ein, wofür dein Feuer brennt, du musst aber gut mit dir in Verbindung sein.“


Das erste Kapitel steht unter der Überschrift „Was brauchst du gerade?“ Man kann nur selbstbestimmt leben, wenn man gut für sich selbst sorgt. Das bedeutet, gut mit sich selbst verbunden zu sein und zu wissen, was man braucht, und was fehlt. Unsere Gesellschaft fordert die Entscheidung zwischen Mann und Frau ein. Und die meisten wollen sich auch entscheiden, wir wollen dazu gehören. Dies beschneidet aber den Erlebnisraum und die Handlungsmöglichkeiten. Anliegen des Kapitels ist es, dich dir selbst als Bedürftiger erfahrbar zu machen, denn damit wir Männer werden konnten, mussten wir alles abspalten, was in Verdacht steht, unmännlich zu sein. Deshalb sollten wir abwägen und austarieren, was hilfreich ist und was nicht.

Zum verantwortungsvollen Mann kann man nur reifen, wenn man sich bewusst macht, wie unsichtbare Privilegien Selbstentfremdung befeuern. Das stärkte Privileg für Männer ist, sich nicht rechtfertigen, ängstigen oder anpassen zu müssen.
Vorgetragene Normalitätsbehauptungen zementieren ungleiche Dominanzverhältnisse. Die Normalität zu hinterfragen und das andere zu normalisieren, bahnt den Weg zu einer gerechteren Gesellschaft. Um reif zu werden, müssen wir Männer einen verantwortlichen Umgang mit Privilegien und Begrenzungen finden. Est braucht die Kompetenz, mit einem selbst und anderen in echtem Kontakt zu sein. Das heißt eine gewisse Bescheidenheit dem Leben gegenüber und eine Einsicht in die Begrenzung menschlichen Seins. Sich und seine Weltsicht genau gleich ernst zu nehmen wie die aller anderen Menschen auch. Denn Persönlichkeit reift an der Auseinandersetzung. Das bedeutet Formen körperlicher Aktivität, Nähe Zulassen, emotional öffnen und dem geliebten Menschen (also hoffentlich auch einem selbst) mitzuteilen, was berührt, bewegt, was man braucht, und man will.

Um zu erkennen, was wir wirklich wollen, müssen wir uns also sehr nahe sein. Männer lernen, das Liebe und Schwache in sich zu fürchten, weil es als unmännlich gilt. Deshalb bauen Sie Mauern in und um sich.
Wie man das Mannsein lebt, ist die eigene Entscheidung. Aber sie beeinflusst auch das Leben der eigenen Familie. Wer sein Mannsein an starren Männlichkeitsvorhaben ausrichtet, dem fehlt es an Flexibilität, mit inneren und äußeren Impulsen geschmeidig umzugehen.
Es ist anspruchsvoll, Mann zu sein. Männliche Identität fällt nicht vom Himmel. Sie konstruiert sich in einem gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Rahmen.
Wir dürfen nicht warten, bis uns jemand die Erlaubnis zur Emanzipation gibt. Unsere Aufgabe ist es, den Druck in Drang zu verwandeln, um mehr Mann und ganz Mensch zu werden. Dann kann auch Resonanz und Ambiguitätstoleranz als Fähigkeit, mit widersprüchlichen Fakten, Anliegen und Meinungen umzugehen, erfahren werden.

Das Buch gibt vielfältige Einblicke in das persönliche Denken und Erleben des Autors. Es ist ein Apell und eine Einladung zur kritischen Selbstreflexion und Achtsamkeit. Manchmal ist es nicht so einfach, aufgrund des Sprachstils beim Lesen nicht den Faden zu verlieren. Ein wichtiges Buch, insbesondere für die Gruppe verunsicherter Männer.

Jürgen Döllmann

Stichworte: Männer Heute, Männlichkeit

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