Frerichs, Wilde Kirche

Jan Frerichs: Wilde Kirche – Wie wir uns unsere spirituelle Heimat zurückholen (2024), Patmos

Der Titel „Wilde Kirche “ und auch der etwas nach „wir sind das Volk“ klingende Untertitel wecken bestimmte Assoziationen. Das Attribut „wild“ bringt man nicht sofort mit einer Kirche in Verbindung, die vielen Menschen und auch kirchlichen Mitarbeitenden als konservativ, mitunter etwas behäbig, jedenfalls aber als durchstrukturierte Institution erscheint. „Wilde Kirche“ also ein Gegenentwurf zur amtlichen Kirche? Meldet sich hier etwa ein neuer Reformator zu Wort? Das weckt Ängste bei Menschen, die sich um den Bestand der Institution sorgen, aber es weckt auch Erwartungen und Hoffnungen bei denen, die sich eine lebendigere, offenere, dynamischere – eben „wildere“ – Kirche wünschen und erhoffen. Eine spannende Lektüre also für einen Mann in der Kirche.

Mit viel Interesse habe ich im ersten Teil des Buches die sehr persönliche Geschichte eines jungen Mannes gelesen, der sich nach einer authentischen und lebbaren Spiritualität sehnt. Als junger Franziskaner macht er sich konkret auf einen Weg. Von Münster, dem Ort seiner theologisch-wissenschaftlichen Ausbildung, in Richtung Jerusalem, einem Ort also, der in der Geschichte wie eine Sehnsuchtsprojektion erscheint. Ich lese die Geschichte eines Mannes, der seiner tiefen Sehnsucht folgt, wirkliche Freiheit sucht und dafür einiges auf sich nimmt: Allein, zu Fuß, ohne Geld und nur noch sporadisch per Telefon mit seiner Gemeinschaft verbunden verlässt er die Komfortzone. Das beeindruckt mich, weil ich das wohl so nicht wagen würde.

Ich lese die Geschichte eines jungen Mannes, der in der Toskana unter unvorstellbaren Wetterbedingungen in einem kleinen Kloster landet und dort Erfahrungen macht, die ihn – wie er erzählt – verwandelt haben. Als „Seeleninitiation“ erfährt der junge Franziskaner die Begegnung mit den fremden franziskanischen Brüdern, vor allem aber die elementare Begegnung mit der „Schwester Mutter Erde“. Ein Mitbruder öffnet ihm Räume zu seiner initialen „Quest“. Sie wird zu einer Urerfahrung für seinen weiteren Lebensweg, der dann nicht mehr nach Jerusalem (die Vision ereignet sich für den jungen Bruder in der Schöpfung) und auch aus dem Kloster hinaus in einen Beruf und zu einer eigenen Familie führt (die Welt ist unser Kloster).

Dies sind sehr persönliche Erfahrungen eines Mannes und seiner individuellen Initiation. Ich staune an vielen Stellen (kann das Zufall sein?), ich wundere mich auch über die visionären Erlebnisse (wie ist das möglich?) – aber ich folge der Geschichte mit Interesse und spüre Resonanzen bei mir. Ich kann die Sehnsucht, die Angst, die Trauer und auch die Freude und den Mut an vielen Stellen der Geschichte nachvollziehen – auch wenn meine eigene Geschichte natürlich eine Andere ist. Ich bekomme am Ende eine Ahnung davon, was die ursprüngliche Idee, die Vision, der Spirit von „barfuß+wild“ ist.

Das zweite Kapitel, „Reflexion“, deutet die zuvor erzählten Erfahrungen. Im Licht der große und kleinen Traditionen der westlichen Kultur- und Kirchengeschichte, der Theologie, der Tiefenpsychologie und Mystik, aber auch der Geschichte indigener Natur- und Lebenserfahrung, die vielfach in der sog. Volksfrömmigkeit überlebt hat, werden die persönlichen Erfahrungen plausibel und durchlässig auf das Leben der Leserinnen und Leser hin. So endet jeder Abschnitt mit einer Frage, die zur Reflexionen der eigenen Lebens- und Glaubensgeschichte inspirieren und motivieren kann.

Mich hat hier insbesondere die aus der konkreten Erfahrung heraus gewonnene Akzentuierung eines panen-theistischen Gottes- und Schöpfungsverständnisses angesprochen. Gott in allen Erscheinungen der Schöpfung erfahren zu lernen, das weitet den Blick und führt aus einer problematischen Verengung auf einen „allmächtigen Erlösergott“ heraus, der einer als defizitär vorgestellten Welt gegenübersteht. Dass dann die Erlösung nur durch die von der Kirche verwalteten Gnadengaben zu erlangen sei, ist heute für sehr viele Menschen nicht mehr plausibel. „Schöpfungsspiritualität“, wie sie hier in einer nachvollziehbaren Reflexion von authentischen (Selbst)Erfahrungen im Spiegel der Schöpfung entwickelt wird, ermöglicht mir und vielen Zeitgenoss:innen einen anderen, „wilden“ Zugang zu Christus als dem Erstgeborenen der Schöpfung. Der Kirchenbegriff weitet sich zu einer ursprünglichen Erfahrungsgemeinschaft, in der sich Christus immer wieder verkörpert – inkarniert. Beides ermutigt zu einem erwachsenen Christsein.

Der dritte Abschnitt wendet sich schließlich der „Praxis“ zu und beschreibt, wie „wilde Kirche“ in vielfältigen Formen und Orte erfahrbar, lebbar und praktizierbar werden kann. Das können auch kirchliche Feste im Wechsel der Jahreszeiten sein sowie die Heiligen Schriften der Bibel. Vor allem aber ist es die Schöpfung selbst: die „Erste Bibel“, wie es heißt, in der das Geheimnis des Lebens als zyklischer Prozess der Jahreszeiten, von Werden und Vergehen, von Sterben und Geborenwerden, als „Rad des Lebens“ am eigenen Leib erfahrbar und „gefeiert“ werden kann.

Nach den erzählten und reflektierten Erfahrungen ist die „Quest“ quasi der Königsweg der „wilden Kirche“. In ihr begibt sich eine Person ganz in die äußere und innere Wildnis der eigenen Geschichten, Gefühle und Erfahrungen. Der Ort in der Natur, die Schöpfung, die biblisch von ihrem Ursprung her gut ist. „Der Ort wird Dich alles lehren“, an diese alte mönchische Weisheit wird hier erinnert. Was es dazu als Rahmung braucht, das kann eine „wilde“ Kirche als Weggemeinschaft für alle zur Verfügung stellen.

„Kreise“ sind weitere Orte und Formate, in denen „wilde Kirche“ praktisch erfahrbar wird. Ursprung ist der Kreis der Ältesten, die sich um das Feuer versammeln, um Geschichten und Erfahrungen zu teilen. Jeder hat etwas mitzuteilen, „eine Wahrheit löscht die andere nicht aus“. Das gilt auch für die Arbeit mit der „zweiten Bibel“, mit den Texten der Heiligen Schrift. In bibliologischen oder bibliodramatischen Settings geht es darum, die eigene Geschichte mit den Geschichten der Tradition in Verbindung zu bringen. Nicht das „viel wissen“ und die Konkurrenz machtvoll vorgetragener Argumente sind es, die die Seele sättigen, sondern dass „von Herzen sprechen“ und das „von Herzen hören“. Beides ermöglicht wirkliche Resonanzbeziehungen und – therapeutisch gesehen – so etwas wie Heilung.

Als Männerseelsorger sind mir viele der Formate und Praxen, die im letzten Abschnitt des Buches besprochen werden, aus der praktischen Männerarbeit, in Männergruppen und in Beratung und Seelsorge vertraut. Erfahrungsräume „unter freiem Himmel“, Nachtwanderungen (z. B. am Gründonnerstag) oder Männerkreise, in denen ein Redegegenstand die Runde macht, Erfahrungen und Gefühle geteilt werden, wirken oft initiierend und ermöglichen neue, vielfach nie erlernte oder nie erlaubte Zugänge zur eigenen Innenwelt und zu einer ursprünglichen spirituellen Erfahrung. Davon erzählt das Buch und formuliert auch der (christlichen) Männerarbeit eine plausible geistliche Grundlage.

Ich wünsche dem Buch von Jan Frerichs viele Leserinnen und Leser auch innerhalb der Kirche. Es macht vor allem Menschen Mut, die in der Kirche und im Glauben „heimatlos“ geworden sind. Es stärkt die Hoffnung, dass eine erwachsene christliche Spiritualität heute und morgen möglich ist. Gleichzeitig erinnert der darin erzählte schöpfungsspirituelle Weg an eine andere Haltung und Verantwortung gegenüber der Welt und allen Mitgeschöpfen: Die Welt ist unser aller „Schwester Mutter Erde“.

Christian Kindler M.A., Dipl. Rel. päd. (Fh)

Referent für Männerarbeit, Männerberater, Therap. Bogenschießen, Playing Artist

Stichworte: Glaube, Lebenshilfe

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