Schwarz, Die „Heilige Ordnung“ der Männer.

Gerhard Schwarz, Die „Heilige Ordnung“ der Männer. Hierarchie, Gruppendynamik und die neue Rolle der Frauen. 4., erweiterte Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005. ISBN 3-531-51732-5. 263 Seiten, € 29,90.

 

Was will dieses Buch? In der Einleitung erfahren wir lediglich: „Die vorliegende Arbeit ist der erste Teil einer systematischen Theorie der Gruppendynamik“ (S. 13). Auch die Gliederung hilft wenig, einen stringenten Gedankengang zu erkennen – kein Wunder, spiegeln die Abschnittsüberschriften manchmal nur einen Teil des Inhalts wider. Und ebenso lässt sich aus dem Titel des Buches die Thematik eigentlich erst erschließen, wenn man das Buch zu Ende gelesen hat.

Der Rezensent kann verschiedene Linien erkennen. Schwarz skizziert zum einen die Entwicklung von den einfachsten Formen der Kommunikation bis hin zur hierarchischen Ordnung. Er geht dazu bis zu unseren Vorfahren unter den Primaten zurück, wo nicht durch Sprache, sondern durch „emotionale Partizipation“ – etwa bei Nahrungsaufnahme und Sexualität – Gemeinschaft hergestellt wurde. Die rein männlich besetzte Jagdgruppe der frühen Menschen prägte laut Schwarz entscheidend die Verhaltensweisen von Gruppen bis heute. Der Druck, sich dem „Standard“ einer Gruppe zu unterwerfen („Gruppenzwang“), ist jedem bekannt. Durch die Entwicklung der Sprache ist dann eine „Standardverletzung“ möglich, ohne sich gleich aus der Gruppe auszuschließen: indem man statt nonverbaler Aggression die sprachliche Negation wählt, also auf einer abstrahierten Ebene nein sagt. Konformität und „Standardverletzung“, Identität und Abhängigkeit – nur durch beides können sich Einzelne und Gruppen entwickeln.

In einem weiteren Schritt (dem zweiten von drei Kapiteln) geht Schwarz der Entwicklung von Institutionen bzw. von Hierarchie nach. „Zentrale Orte“ waren anfangs davon abhängig, dass die verstreuten Gruppen sie zum Güteraustausch oder zu stammesübergreifenden Verheiratungen nutzten – ansonsten gingen sie ein. Schließlich drehte sich die Abhängigkeit um: Die Organisatoren des Austausches an diesen Orten unterwarfen mit militärischer Gewalt die Stämme und gliederten sie in ihr hierarchisches System ein. Schwarz nennt vier „Axiome der Hierarchie“: Bei den „Zentralfunktionären“ sammelten sich Macht, Entscheidungsbefugnis, Informationen und Wissen (vgl. S. 178).

Im dritten Kapitel zeigt er, wie das hierarchische System nicht nur in die Machtverhältnisse, sondern in unser ganzes Denken Einzug gehalten hat. Beispielsweise ordnet die Biologie Pflanzen und Tiere streng hierarchisch, und die Axiome der Hierarchie lassen sich auch in unserer Logik wiederfinden.

Eine zweite Linie: Gerhard Schwarz ist seit Jahrzehnten in der Gruppendynamik tätig. So fragt er: Welche der dargestellten entwicklungsgeschichtlichen Prägungen finden wir noch heute in Gruppen? Er bringt eigene Erfahrungen aus seiner Arbeit als Trainer ein und zeigt auf, wie sich Gruppen typischerweise verhalten und entwickeln.

Schließlich geht er – eine dritte Linie – in speziellen Abschnitten (1.4.9 und 3.6) und auch an einigen anderen Stellen der Bedeutung des Geschlechtsunterschieds in Gruppen und Hierarchien nach. Frauen verhalten sich anders als Männer, die aber nach wie vor in Wirtschaft und Gesellschaft die Entscheidungsgremien besetzen. Hierarchie ist ein typisch männliches System. Schwarz plädiert für gemischte Gruppen (S. 155 f.) und für neue Denkstrukturen, die die „heilige Ordnung der Männer“ relativieren, den Frauen entgegenkommen und neue Entwicklungen ermöglichen (3.6).

Aus diesen Themen kann man ein spannendes Buch machen, das den Leser in eine neue gedankliche Welt mitnimmt. Das ist Gerhard Schwarz aber nur stellenweise gelungen.

Der Rezensent empfand das Buch als mühsam zu lesen – aber das lag nicht an den zahlreichen Rechtschreib-, Zeichensetzungs-, Flüchtigkeits- und typographischen Fehlern. Die Sprache ist stellenweise nicht einfach, u. a. durch die Fachbegriffe, die Schwarz teilweise nur unzureichend einführt. Auch das manchmal recht hohe Abstraktionsniveau (man merkt, dass Schwarz Philosoph ist) wird durch vereinzelte Grafiken und Beispiele aus der Praxis nicht wettgemacht.

Ein entscheidendes Manko ist aber, dass der Gedankengang des Buches nur schwer zu verfolgen ist. Schwarz neigt zu Abschweifungen (vgl. das Beispiel aus dem Versicherungswesen in 1.4.2) und dazu, sich in Details zu verlieren, was durch überlange Zitate (z. B. S. 48 f.) verschärft wird. Auch sind die oben skizzierten inhaltlichen Linien teilweise in verwirrender Weise miteinander vermischt, die Abfolge bzw. Ordnung der Abschnitte ist nicht immer ganz schlüssig, und es gibt gedankliche Sprünge im Text, denen man nur schwer folgen kann. So bleibt es z. B. für den Rezensenten merkwürdig, dass im letzten Abschnitt (3.7) plötzlich das typische Vorgehen im gruppendynamischen Training skizziert wird.

Schwarz ist ein Vordenker mit weitem Blick, viel Erfahrung und großem Wissen (von asiatischer Philosophie über das Wirtschaftswesen und die Evolutionsgeschichte bis zur christlichen Theologie). Die tiefgehenden Analysen und die (allerdings nur ansatzhaft entfalteten) Perspektiven für die Zukunft, die ihm so möglich sind, erklären vielleicht, weshalb das Buch trotz deutlicher Schwächen bereits in der vierten Auflage erschienen ist.

 

Martin Hochholzer

 

 

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