Müller, Der Schattenvater

Christine Müller, Der Schattenvater
Narrative Identitätskonstruktionen von „Kuckuckskindern“ und „Spenderkindern“
Psychosozial Verlag, Gießen 2020

Christine Müller untersucht in ihrer Arbeit ein tabuisiertes und bisher wenig erforschtes Thema. Dabei geht es zum einen um Kuckuckskinder, bei denen der biologische Vater nicht der soziale Vater ist. Zusätzlich untersucht die Autorin eine weitere Personengruppe, die ihre Existenz der Reproduktionsmedizin verdankt, den Spenderkindern. Auch dies geht bei dem Erfahren mit Fragen der Identität und der Auseinandersetzung des Auf der Welt Seins auseinander.

In der Studie werden also mittels narrativer Interviews individuelle Schicksale von Menschen mit unklaren biologischen Wurzeln untersucht. Dabei steht das Erleben der Aufklärung, Fragen nach der Identität und Konflikte im Vordergrund. Zusätzlich wird auf die Unterschiede bezüglich Affekte, Gefühlen und Emotionen zwischen den Gruppen geachtet. Dabei war die entscheidende Frage der Untersuchung, ob es zwischen Kindern, die als Kuckuckskinder in eine Familie hineingeboren wurden und denjenigen, die mittels einer Samenspende entstanden sind, erkennbare Unterschiede gibt.

 

Die Untersuchung gliedert sich zuerst in einen theoretischen Teil, in dem zentrale Begriffe wie Identität und Ich, aber auch Affekte wie Scham, Schuld oder Abwehr erläutert werden. Besonders hat mich dabei die Funktion des Vaters für die kindliche Entwicklung interessiert. Nach einem empirischen und Methodenteil werden Ergebnisse vorgestellt.

Vaterschaftsdiskrepanzen werfen Fragen in rechtlicher, sozialer und psychischer Hinsicht auf. Es geht um die Rechte des Vaters und die Folgen für das Kind. Aber auch Reproduktionstechniken werfen juristische, ethische und psychologische Fragen auf.

Das Ausmaß der Beschäftigung mit der neuen Erkenntnis war in beiden Gruppen direkt nach der Aufdeckung besonders groß. Bei Kuckuckskindern fand die Beschäftigung in Wellen im Wechsel mit Verdrängungstendenzen statt. Bei den Spenderkindern wurde die Auseinandersetzung mit der Herkunft oft in Vereinsarbeit betrieben und damit in Rahmen gelenkt. Beide Gruppen profitieren von der Aufklärung, Spenderkinder erfahren jedoch mehr Unterstützung in der Gesellschaft. Daher kommt es dort zu einer schnelleren Integration des Ereignisses. Bei Kuckuckskindern kam es zu einer höheren Benennung negativer Affekte wie belastetes Familienklima sowie ökonomische und soziale Gegebenheiten. Nach der Aufklärung führten die realen Begegnungen der Kuckuckskinder mit den biologischen Vätern zu einer Desillusionierung der von den Personen geschaffenen Objekte. Spenderkinder haben ein insgesamt positives Selbstbild als die Kuckuckskinder.
Ein Großteil der Kuckuckskinder wuchs unter dauernd schädigenden familiären und materiellen Bedingungen auf, was negative Folgen für den weiteren Lebensverlauf hatte.

Bemerkenswert in dem Buch fand ich, dass beide Gruppen bei den Befragungen angegeben hatten, dass sie gerne Kenntnisse über ihren biologischen Vater hätten, dass der soziale Vater aber eine ebenso bedeutsame Rolle spielt.

Insgesamt beinhaltet das Buch eine Untersuchung über ein bisher wenig erforschtes Thema. Gerade vor dem Hintergrund erweiterter Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin und dem Aufbrechen traditioneller Familienbilder – Spenderanonymität versus Recht des Kindes auf Kenntnis der Herkunft – eine interessante Ausarbeitung.

Jürgen Döllmann

Stichworte: Studien und Untersuchungen, Vater, Vater und Kind

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