Schultheis / Strobel-Eisele / Fuhr (Hrsg.), Kinder: Geschlecht männlich.

Klaudia Schultheis/Gabriele Strobel-Eisele/Thomas Fuhr (Hrsg.), Kinder: Geschlecht männlich. Pädagogische Jungenforschung. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2006. ISBN: 3-17-019100-4. 212 Seiten, € 24.–.

 

Die aktuelle Debatte über die Benachteiligung von Jungen findet ihren Niederschlag auch im vorliegenden Sammelband, der gezielt Jungen zum Gegenstand qualitativer Forschung macht, um daraus gesicherte Erkenntnisse für eine gezielte Jungenarbeit resp. Jungenförderung zu gewinnen. So werden im zweiten Teil des Bandes eine Reihe von Einzelstudien vorgestellt, die von der Katholischen Universität Eichstätt sowie den Pädagogischen Hochschulen Freiburg und Ludwigsburg im Rahmen eines Gesamtprojektes durchgeführt wurden. In Gruppendiskussionen (zum innovativen Charakter dieses Instrumentes in der qualitativen Kinder- und Kindheitsforschung s. S. 74-78) äußerten sich Jungen zu unterschiedlichen Themen. So wurden Jungen in einer Studie gefragt, was ihnen Geld bedeutet, in einer anderen hatten sie Gelegenheit, über ihre Väter zu reden, in einer dritten schließlich ging es um das Thema Schule. Ziel war es dabei festzustellen, wie Jungen in Interaktionen Selbstkonzepte ausbilden und diese miteinander kommunizieren, also Einblicke geben, wie sie sich selber als Jungen sehen resp. gerne sehen möchten. Aus den Einzelstudien gewinnen die Herausgeber die Erkenntnis, dass sich das „verbreitete Bild der ‚armen‘ und benachteiligten Jungen nicht halten lässt“, da diese sich mit „vielfältigen Kompetenzen ausgestattet“ zeigen (S. 10). Zu bedenken ist allerdings, dass lediglich Jungen im Grundschulalter berücksichtigt wurden. Aufgrund der Konzentration auf eine bestimmte Altersgruppe halte ich es dann doch für etwas voreilig, die Benachteiligungsthese so schnell vom Tisch zu wischen, wie das die Herausgeber in ihrer Einleitung tun.

Der erste Teil (S. 12-71) enthält – und das in erster Linie macht diesen Band auch wertvoll für Interessierte in Schule, Jungen-, Männer- und Familienarbeit – einen ausgezeichneten Überblick über „Grundfragen und Grundprobleme der Jungenforschung“. Dieser Teil kann unabhängig vom Studienteil gelesen werden (was von den Herausgebern durchaus auch so intendiert ist, vgl. den Hinweis auf S. 8) und liefert eine Fülle wichtiger und hilfreicher Informationen, um dieses Feld mit seinen mittlerweile doch vielen Verästelungen überblicken zu können. Aus dem ersten größeren Abschnitt, der den Forschungsstand zum Thema referiert, fand ich vor allen Dingen den Überblick über die drei grundlegenden Diskurse in Erziehungsratgebern hilfreich. Die Autoren unterscheiden den „Arme-Jungen“-Diskurs, den „Die-Schule-versagt“-Diskurs und den „Wie-Jungen-sind“-Diskurs. Dass die Ratgeberliteratur in diesen drei Ausformungen von den Autoren nicht unbedingt wertgeschätzt wird, bleibt im Übrigen unübersehbar. Kritische Worte finden die Autoren in diesem Abschnitt auch zu dem bekannten Modell männlicher Sozialisation, wie es Lothar Böhnisch und Reinhard Winter in den 90er Jahren entwickelt haben. Beiden Wissenschaftlern werfen sie dezidiert mangelnde empirische Absicherung und einseitige Urteile vor. Hinweisen möchte ich schließlich noch auf den dritten Abschnitt des Grundlagenteiles: Dort geben die Autoren einen gerafften und vor allen Dingen verständlich geschriebenen Überblick darüber, wie die klassische Frage des Geschlechterdiskurses, ob das Geschlecht angeboren oder durch soziale Prozesse entsteht, in der neueren sozial- und humanwissenschaftlichen Fachliteratur diskutiert wird. Für den Bereich der Jungenforschung ziehen die Autoren aus ihrem Literaturbericht die grundlegende Folgerung, „biologische Ursachen bezüglich der Geschlechtsunterschiede anzuerkennen, diese aber in ihrer Bedeutung nicht zu überschätzen“. Jungenforschung solle sich daher auf jeden Fall den einzelnen Perspektiven nicht verschließen, aber auch um die Grenzen des jeweiligen Ansatzes, was Fragestellung, Themenauswahl und Ergebnis betrifft, wissen (S. 62). In den im zweiten Teil dokumentierten Einzelstudien können die Leserinnen und Leser unmittelbar überprüfen, inwieweit in der eigenen Forschung diesen Empfehlungen nun denn auch selber Rechnung getragen worden ist.

 

Andreas Ruffing

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