Moosbach, Ins leuchtende Du

Moosbach, Carola, Ins leuchtende Du. Aufstandsgebete und Gottespoesie (hrsg. von Bärbel Fünfsinn und Aurica Jax), Berlin (EB-Verlag Dr. Brandt) 2021

 

Dieses Buch ist eine Zumutung. Es stört die Ruhe. Es zerstört Gottesklischees. Es bricht Tabus. Carola Moosbach schreibt „Gottespoesie“, wie Dorothee Sölle im Vorwort zu ihrem erstem Gedichtband 1997 schrieb. Moosbach traut sich, in einer Zeit des Verstummens Gott gegenüber – zu beten. Aber nicht wohlfeil, anbiedernd oder ehrfürchtig. „Psalmisch“ betet sie vielmehr. Und das heißt, mit der ganzen Wucht an menschlichen Erfahrungen, die sie machen musste. Als Kind vom Vater sexueller Gewalt ausgesetzt und durch Schweigen und Vertuschen in der Familie verraten, hält sie eine Zwiesprache mit Gott, die zugleich brutal aufwühlt und sanft berührt. Gott ist ihr Zufluchtsort und Klagemauer zugleich, ebenso vertraute Freundin wie Angeklagter in einer Welt, in dem sie einen Teil davon als menschenfeindlich erlebt hat.

Theologische Begriffsgewohnheiten werden erschüttert, wenn wir beispielsweise lesen: „(…) Ach käme doch endlich / Dein Reich Gott / geschähe doch endlich Dein Wille / nicht der meines Vaters / das Kind das gequälte / das ich einmal war / braucht Deinen Schrei / und braucht Deinen Zorn / wie das tägliche Brot (…) (S. 65)“. Großartige Poesie! Sie rangiert auf einer Qualitätsstufe mit Kurt Marti (z.B. „Die gesellige Gottheit“) Dorothee Sölle (z.B. „Mystik und Widerstand. Du stilles Geschrei“) und Arnold Stadler („Die Menschen lügen. Alle“). In diesen „Denkschulen“ bewegt Moosbach sich poetisch-theologisch: Gott als Vater? Nimmermehr kann Moosbach ein solches Bild akzeptieren. Gott als Allherrscher? Wie soll ein Gott beschaffen sein, der solches Leid zulässt, dem sie als Kind ausgeliefert war? Mit dem Preis der Freiheit, die Gott uns lasse, ist wohl nichts erklärt, der*die solche Brutalität des Lebens erlebt hat. Der allwissende Gott ist abgetakelt. Aus und vorbei.

Moosbach wird dennoch nicht gottlos. Das macht ihre Theologie absolut zeitnah. Ihr ist Gott ein Gegenüber, nicht immer harmonisch und einvernehmlich. Ganz und gar nicht. Manchmal ist sie wütend auf „sie“, aber mehr auf die Bilder, die die Tradition der Rede über Gott sich von „ihm“ gemacht hat. Ihre Gebete und Gedichte sind geprägt von tiefer Nähe, Vertrautheit, Intimität. Alle menschlichen Gefühle dürfen dort sein. Gott ist für sie nicht „oben“, sondern „da“. Ein vertrauter Liebespartner, Lebensfreundin? Moosbach vertritt, so ist in jeder Zeile spürbar, eine anthropomorphe, traditionell-theologisch gesprochen inkarnatorische Theologie, aber eben nicht wie viele Theologien der Tradition, indem sie Gott unermesslich ins Weite hinausgedachte menschliche Züge verliehen. Gott ist Moosbach eine nahe, fluide Größe im Hier, in die sie alles hineinfühlen, -raunen und -schreien kann, was ihr die Seele zuschnürt und unermesslich weitet. Kann man*frau sagen, dass Gebet ihre Zuflucht ist? Wahrscheinlich schon. Sicher aber ist: Dichtung ist ihre Rettung.

Ich empfehle dieses Buch nicht nur als Theologe, weil mir Moosbachs Dichtung als „Theopoesie“ eine moderne Möglichkeit ist, von Gott und zu Gott zu sprechen. Ich empfehle die Lektüre ausdrücklich auch als Mann besonders Männern. Warum? Weil ich glaube, dass Carola Moosbachs Poesie uns Männern helfen kann, unsere eigene Spiritualität zu weiten und Abstand zu gewinnen zum nur maskulinen Sprechen über und zu Gott. In der Dichtung Moosbachs liegt ein theologisches und spirituelles Potential, das eben nicht nur Raum schafft für glauben wollende und müssende, verletzte Menschen im Allgemeinen, sondern auch im Speziellen für Männer, die Abstand nehmen vom kraftstrotzenden, „mansplainenden“, d.h. besserwissenden männlichen Gott(esbild), das einen gehörigen Anteil daran zu haben scheint, dass Theologie übergriffig werden und Macht missbrauchen kann, die ihr nicht zusteht. Welcher Mann sich berühren lässt durch die Verletzlichkeit Gottes, der wird auch berührt durch die Gedichte von Carola Moosbach.

Den Herausgeberinnen Bärbel Fünfsinn und Aurica Jax kommt das Verdienst zu, den richtigen Zeitpunkt erspürt zu haben, eine neue Auswahl von Gedichten von Carola Moosbach herauszugeben. Gerade zu einer Zeit, in der die Aufarbeitung sexueller Vergehen innerhalb der Kirche auf der Stelle zu treten scheint und sich eine oftmals theologische Sprachlosigkeit hinter Scham und Versuchen des Aussitzens der Probleme versteckt, kann das Buch zu einer prophetischen Rede werden, ganz und gar also biblischer Tradition folgend. Zum Schluss soll deshalb auch die Dichterin das letzte, hoffnungsertastende Wort haben: „Am Ende / wird es ganz anders sein / als wir glauben / und leichter womöglich / als wir zu hoffen wagen // Am Ende / werden wir wissen / was wirklich zählt / und worauf es ankommt / im Leben und Sterben // Am Ende / wird auch für mich / sich die Grenze öffnen // und trotz Angst werd ich springen / ins leuchtende Du“ (S. 100).

 

Dr. Andreas Heek

 

Stichworte: Glaube, Kirche und Theologie, Missbrauch

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