Kügler, Zeus Syndrome

Joachim Kügler, Zeus Syndrome, A Very Short History of Religion-Based Masculine Domination, Oxon (Routledge) 2023.

Zeus, der mächtigste Gott in der Antike, ist der Prototyp „toxischer Männlichkeit“. Der griechische Mythos erzählt, dass er seine Macht immer wieder dadurch demonstriert hat, dass er Frauen wie Männer auch sexuell unterworfen hat. Zeus, das ist zugleich eine zentrale These von Joachim Küglers tiefschürfendem Buch, verkörpert die antike Kultur des Missbrauchs at its worst, die männerdominert, bis in die Gegenwart gesellschaftlich und – das ist Kügler als Bibelwissenschaftler besonders wichtig – kirchlich höchst relevant ist.

„History ist about the past but for the present“ (S. 120). Dieses Prinzip seiner Forschungen leitet ihn bei seinen Betrachtungen. In diesem Sinne zieht er immer wieder lange Linien von der Analyse antiker Texte, spannenderweise nicht nur solcher aus der Bibel, hin zu gegenwärtigen Schieflagen in den Debatten um Geschlechtergerechtigkeit und sexualisierter Gewalt an Mädchen, Jungen, Frauen und Männern in der katholischen Kirche.

Hilfreicher hermeneutischer Schlüssel seiner Analysen ist die These, dass es in der antiken Kultur einen Unterschied gab zwischen dem persönlichen und dem öffentlichen Körper einer Person. Diese beiden Körperperformanzen müssen nicht übereinstimmen. (Übrigens ist dies auch ein interessanter Ansatz für die aktuellen Debatten um binäre, trans und nicht-binäre Geschlechtlichkeiten.) Dies hat zur Folge, dass in einer männerdominierten Gesellschaft Frauen, wollen sie ebenso mächtig wie Männer sein, männlich performen müssen, sich also tatsächlich männlich kleiden, ihre Haartracht anpassen, ja sich auch missbräuchlich verhalten. Wie in diesem Zusammenhang Josef seine Männlichkeit gegenüber der Frau des Potiphar in Gen 39 gerettet hat, indem er sich von ihr nicht verführen lässt, sondern sie äußerst geschickt in die Reihe Frauen zurückverweist, obwohl sie durch ihren Missbrauchsversuch versucht, „männlich“ zu sein, nämlich sexuell missbräuchlich, das ist äußerst spannend zu lesen (S.75-80). Prekärerweise konnte es Männern ebenfalls wie Frauen passieren, von anderen Männern „zur Frau gemacht zu werden“, also von anderen mächtigeren Männern zum Unterlegenen degradiert zu werden. Das aus heutiger Sicht schmerzhafte, aber eben auch äußerst erhellende Analyseergebnis Küglers ist, dass Mannsein in der Antike ein Synonym für ideales Menschsein angesehen wurde, zu dessen Performanz oftmals auch sexueller Missbrauch gehörte. Frauen wurden stets als unvollkommen, schwach und somit als zu beherrschen – und beherrschbar – angesehen. Aktiv und passiv, mächtig und unterlegen, sexuell missbräuchlich und sexuell ausgebeutet sind Gegensatzpaare, die sich bis heute durch die Gender-Debatte ziehen und die Sicht auf Männer und Frauen bestimmen. Ihre Wurzeln reichen in die Antike, das zieht sich als roter Faden durch Küglers Buch.

Sogar die mittlerweile in der Debatte um Geschlechtergerechtigkeit – und das gilt für alle Geschlechter, also auch trans Personen und Nicht-Binäre beispielsweise – viel zitierte Stelle Gal 3, 26-28, in der Paulus die Grenze zwischen Ständen und Geschlechtern auflöst, muss mit maskuliner Brille gelesen werden. Dort gehe es darum, dass alle Getauften „Söhne Gottes“ werden, wenn Christus als der ideale Sohn und damit Mann stilisiert wird. Es gebe in Christus zwar eine grundlegende Gleichheit zwischen allen Getauften, aber alle werden „einer“ (dritte Person Singular Maskulin) und nicht „eins“ (dritte Person Singular Neutrum) wie manchmal heute übersetzt wird. Paulus ist also ebenfalls zutiefst in der antiken Kultur der Männlichkeitsdominanz verwurzelt.

Trotzdem sieht Kügler eine geöffnete Tür für Geschlechtergerechtigkeit genau durch diesen Text. Er sieht diese in dem vehementen, polemischen, ja poetischen Eintreten für die Gleichheit aller in Christus durch Paulus. Aus heutiger Sicht ist also Gleichheit zwischen allen das herausragende Merkmal christlicher Gemeinschaft. Eine solche Sichtweise zu übernehmen, setzt allerdings voraus, dass innerhalb der Kirche die Gleichheit aller Geschlechter, wie sie gegenwärtige gesellschaftliche Diskurse voraussetzen, anerkannt wird. Dass die katholische Kirche dies nicht tut und letztlich immer noch am Ideal von Menschsein in der männlichen Form festhält, zeigt nicht nur, dass sie immer noch nicht bereit ist, Frauen zur Repreasentatio Christi, also zum kirchlichen Amt zuzulassen, sondern auch in ihrer zum Teil noch heftig apologetischen Ablehnung anderer als der beiden binären Geschlechter.

Schon in seinem populärwissenschaftlicheren Buch Sexualität, Macht, Religion (2021), dessen ausführlichere Version, mit wissenschaftlichem Apparat, nun (leider nur) in englischer Sprache vorliegt, hat Kügler auf die Gefahren der Verbindung zwischen dominanter Männlichkeit und Macht aufmerksam gemacht, und zwar durch seine tiefen Wurzeln im antiken, maskulin-überlegenen Denken.

Spätestens nach der Lektüre seiner Thesen wird dem Lesenden klar, dass die derzeitige Möglichkeit, die männerdominierte Macht in der Kirche zwischen den Geschlechtern aufzuteilen, am geschichtsblinden „Weiter so“ scheitert. „Machttechnisch“ ist dies für die herrschenden Männer eine praktische Komfortzone. Die tiefe Vertrauenskrise durch den massiven, auch sexuellen Machtmissbrauch durch überwiegend Kleriker-Männer und die Einbuße an Glaubwürdigkeit durch die weiterhin systematische Pflege überholter Geschlechterrollenbilder in der kirchlichen Lehre fällt den Mächtigen schon jetzt auf die Füße. In vielen gesellschaftlichen Diskursen kann die Kirche nicht auf der Höhe von Wissenschaft und Kultur einen Beitrag für eine optimistische Entwicklung der Gesellschaft beitragen. Man(n) glaubt, im Stehenbleiben irgendwann wieder gesellschaftlich Oberwasser gewinnen zu können. Dabei wird vergessen, dass diese Kleriker-Männer fast die einzigen sind, die stehenbleiben und die sich somit immer mehr entfernen von den viel gescholtenen „Zeitgenossen“, bis jene nicht mehr sichtbar sind. Und dann? Eine Kirche ohne Christ*innen? Nur noch mit Würdenträgern und einigen Claqueuren ihrer verfehlten Geschlechtersicht? Gott bewahre! Auch durch mehr von solchen erhellenden Analysen wie von Joachim Kügler.

Dr. Andreas Heek, Leiter der Arbeitsstelle Männerseelsorge und Männerarbeit in den Deutschen Diözesen und Mit-Koordinator der Arbeitsgemeinschaft der LSBIT*-Beauftragten in den Deutschen Diözesen

Stichworte: Kirche und Theologie, Missbrauch, Männlichkeit

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