Krebs, Gott queer gedacht

Andreas Krebs, Gott queer gedacht, Würzburg (echter), 2023

Der Begriff „Queer“ ist innerhalb kirchlicher Diskussion teilweise zu einem Reizwort avanciert. Von seinem Ursprung her war er durchaus eine provokante Selbstbezeichnung innerhalb der LSBTI*-Community von Menschen, die sich den vormals gängigen Zuordnungen „lesbisch“, „schwul“, „bisexuell“, „transgeschlechtlich“ und „intergeschlechtlich“, die abgekürzt wurde zu „LSBTI“, nicht wiederfanden. Der Stern oder der Buchstabe Q stehen deshalb für dieses „queer“. Menschen, die sich in den Identifikationen der Buchstaben nicht wiederfanden, fühlten sich „quer“ zu allen hermetischen Definitions- und Abgrenzungsversuchen.

Mittlerweile hat sich dieser Begriff, der zunächst sogar als Schimpf- und Ausgrenzungswort verwendet wurde und nach und nach von Betroffenen als Selbstbezeichnung benutzt und damit kultiviert wurde, als sachliche Beschreibung für alle Menschen, die hinter den Buchstaben LSBTI* stehen, weitgehend durchgesetzt. Weder innerhalb der LSBTI*-Community noch außerhalb taugt dieser Begriff also als Kampfbegriff, sondern kann als etabliert angesehen werden.

Liest man das Buch „Gott queer gedacht“ des Inhabers des Lehrstuhls für Alt-katholische und Ökumenische Theologie an der Bonner Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn, Andreas Krebs, klingt die Geschichte des Begriffs sicher mit, also die provokative, aber zumindest nicht gängige Lesart Gottes als queer. Oberflächlich betrachtet, wird mancher „Blasphemie“ rufen. Doch lässt man sich ergebnisoffen auf die Argumentation des Autors ein, wird man eines Besseren belehrt. Oder zumindest nachdenklich gestimmt.

Eigentlich ist es von Seiten systematischer Theologie etwas vollkommen Unaufregendes, wenn Andreas Krebs konstatiert, dass sich „Gott“ jeglichen Zugriffs mit humanen Begrifflichkeiten entzieht. Gott als der ganz Andere, mitunter Fremde, Widersprüchliche, Geheimnisvolle zu beschreiben, ist Mainstream in der Theologie. Legt man aber die Folie „queer“ darüber, löst dies die Grenze zwischen der absoluten Transzendenz Gottes und seiner Immanenz, ja seiner Menschwerdung auf. Hier verschwimmen die klaren Grenzen zwischen der Gottheit und der Menschwerdung Gottes. Das ist, wie gesagt, nicht besonders aufregend, weil unmittelbarer Bestandteil christlicher Theologie. Davon in heutiger Sprache zu sprechen und in diesem Sinne die „Queerness Gottes“ zu beschreiben, ist denklogisch also alles andere als provokativ. Nur für Ohren, die die Queerness im menschlichen Bereich anzweifeln, und dies vielleicht noch im Verweis auf Gottes Offenbarung, er habe „den“ Menschen als Mann und Frau erschaffen, ist die Sichtweise der Queerness Gottes schwer zu begreifen. Dem Wesen katholischer Dogmatik hingegen entspricht dieser Begriff genau dem, was auch als „Geheimnis des Glaubens“ bezeichnet wird. Menschwerdung und Gottsein, die Vermischung dieser Ebenen, sind tatsächlich „queer“ und ein Sinnbild für das Geheimnis, das letztlich jeder Mensch verkörpert.

Andreas Krebs schafft es, auf knapp 150 Seiten ein Kompendium der Diskussion um Queerness in der (katholischen) Theologie zu erstellen. Dabei gelingt es ihm, die Anerkennungsnotwendigkeit queerer Menschen mit einer traditionellen Theologie zu verknüpfen. Dabei versucht er keineswegs, die Kontroversen innerhalb queerer Theologie zu glätten. Dennoch kristallisiert sich heraus: Gott oder „G*tt“, wie Krebs durchgängig schreibt, und somit seine Queerness, ist eingeschrieben in die Körper und Seelen der Menschen. Und umgekehrt, in Menschen und somit auch in jedem queeren Menschen scheint die Göttlichkeit Gottes durch. Ist eigentlich allen Theologie-Denkenden klar, wie überaus produktiv diese Sichtweise ist? Wie ausgesprochen anschlussfähig an viele philosophische Gedankengänge aktueller Provenienz?

Dass Krebs in der Lage ist, sehr komprimiert und absolut souverän zu schreiben, liegt daran, dass er sich offenbar eingehend mit queerer Theologie beschäftigt hat, die im angelsächsischen Bereich viel intensiver betrieben wird als in Deutschland. Das sieht man auch daran, dass er jedem Kapitel wertvolle einschlägige Literaturhinweise anfügt, die neugierig machen. So kann sich der*die interessierte Leser*in eine kleine Fachbibliothek queerer Theologie anlegen. Diese Verweise betrachte ich als einen weiteren Clou des Buches, neben den außerordentlich informativen Argumenten, die besonders Neulingen* in der Diskussion in Fragen von Geschlecht helfen, sich zurechtzufinden.

Dass Geschlechtergerechtigkeit künftig stärker als bisher auf alle Geschlechter bezogen werden muss, ist mir seit längerer Zeit klar. Und dass die bisher immer noch überwiegend männlich-normative Lesarten der Bibel und der kirchlichen und geistesgeschichtlichen Tradition dekonstruiert gehören, auch. Schön beschrieben finde ich bei Krebs darüber hinaus äußerst instruktiv den Beziehungsaspekt der göttlichen Trinitität, der weder hetero-normativ noch vollkommen körperlos verstanden werden muss. Diese Denkweise schafft der Theologie Weite, die eine Verheißung ist und keine Gefahr.

Andreas Krebs reflektiert all dies in einem vollkommen unaufgeregten Ton. Hier schreibt ein Diskursteilnehmer, und kein Rechthaber. Aber hier schreibt auch jemand, der auf der Seite der Menschen steht, der marginalisierten allzumal. Und mir will scheinen, dass er damit den Kern christlichen Selbstverständnisses absolut trifft. Wer, wenn nicht die Kirch(en) – und hier ist es schön, auch Theolog*innen anderer Konfessionen am selben Gedankenstrang ziehen zu wissen – können in unsicheren Zeiten besonders verletzbaren Menschengruppen Schutz und Heimat bieten? Die Existenz queerer Menschen in der Kirche muss eine Selbstverständlichkeit werden. Und zwar nicht, weil die Kirche „barmherzig“ ist. Ihr Erkennungsmerkmal, von ihrem queeren Gottesverständnis her, ist, dass alle dazugehören und dass keine Unterschiede gemacht und Bedingungen formuliert werden, die die Zugehörigkeit reglementieren. Weil, und jetzt kommt es: Alle Menschen sind auf eine bestimmte Weise queer, und so kann es gar nicht anders sein, dass Gott sich in dieser Queerness spiegelt. Und umgekehrt.

Dr. Andreas Heek

Arbeitsstelle Männerseelsorge, Fachbereich Queerpastoral

Stichwort: LSBTI

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