Guggenbühl, Kleine Machos in der Krise.

Allan Guggenbühl, Kleine Machos in der Krise. Wie Eltern und Lehrer Jungen besser verstehen. Herder, Freiburg – Basel – Wien 2006. ISBN 3-451-28767-0. 192 Seiten, € 12,90.

 

Wer in der letzten Zeit in gut sortierten Buchhandlungen oder online im Bereich der Ratgeberliteratur herumstöbert, stößt verstärkt auf Bücher, die gezielt die Situation von Jungen in den Blick nehmen. Das Thema – so scheint es – ist im Moment „dran“. Auch Print- und elektronische Medien berichten mittlerweile darüber, und das Bundesfamilienministerium hat eine Jungen-Kampagne gestartet. Jungen – so ist der Tenor – machen verstärkt Probleme: Leistungsmäßig hinken sie mittlerweile den Mädchen in der Schule hinterher, sie machen schlechtere Abschlüsse als diese oder bleiben mehr als diese ganz ohne Schulabschluss, sind weitaus verhaltensauffälliger als Mädchen und dominieren im Bereich der Jugendgewalt. Jungen – die neuen Sorgenkinder von Elternhaus, Schule und Gesellschaft.

Besonders aus dem Bereich der Kinder- und Jugendpsychologie melden sich nun Autoren wie der bekannte Schweizer Psychologe Allan Guggenbühl zu Wort, die für die oben skizzierten Entwicklungen die an den Schulen vorherrschenden pädagogischen Modelle und Erziehungsstile (mit) verantwortlich machen. Die Kritik lautet in den Worten des Autors: „Im Bestreben, geschlechtergerecht zu unterrichten und zu erziehen wurde übersehen, dass gewisse Geschlechtsdifferenzen sich nicht wegzaubern lassen. Jungen unterscheiden sich in ihrer Psychologie von Mädchen“ (S. 180). Und so stellt das ganze Buch zum einen den Versuch dar, diese unterschiedliche Psychologie der Jungen Eltern und Erziehern durch anschauliche Beispiele bewusst zu machen, und ist zugleich als ein leidenschaftliches Plädoyer zu lesen, daraus entsprechende Konsequenzen für eine jungengerechte Erziehung besonders in der Schule zu ziehen. Das Grundproblem liegt dabei für Guggenbühl darin, dass die vorherrschenden Erziehungsstandards Jungenverhalten von vornherein pathologisieren. In ihnen spiegele sich – so die vorherrschende Meinung – ein defizitäres Männerbild, das Jungen entsprechend „abtrainiert“ werden müsse. Jungen werden damit von vornherein zum Therapiefall, so Guggenbühls Vorwurf an „sozialwissenschaftliche Kreise“, die „von einem politisch korrekten Standardmodell des Mannes“ ausgehen (S. 36).

Die Zitate machen es bereits deutlich: Das Buch ist bewusst parteiisch geschrieben, stellenweise durchaus polemisch und pflegt natürlich auch die Auseinandersetzung zwischen Sozialwissenschaften und der stärker von der Biologie geprägten Psychologie, also den klassischen Konflikt zwischen Natur und Kultur. Trotzdem: In der verständnisvollen Beschreibung des Verhaltens von Jungen, denen das Verhalten von Mädchen zur besseren Verdeutlichung gegenübergestellt wird, haben sich bei mir während des Lesens immer wieder Aha-Effekte eingestellt, weil vieles aus eigenem Erleben so vertraut ist. Das ist ganz ohne Zweifel auch die Stärke des Buches, dass es so lebensnah geschrieben ist.

Guggenbühl freilich ist sich auch bewusst, dass sein Buch Raum für Missverständnisse gibt, und versucht deshalb im Schlusskapitel (S. 181-183), zwei mögliche Missdeutungen seines Buches abzuwehren. Zum einen macht er deutlich, dass seine generalisierende Beschreibung von Geschlechtsstereotypien lediglich Tendenzen darstellt, die typischen Eigenschaften jedes Geschlechtes also nicht bei jedem Mädchen oder jedem Jungen vorkommen bzw. gar eingefordert werden müssten. Und erst recht nicht – so Guggenbühl – dürfen Geschlechtsunterschiede instrumentalisiert werden, um Privilegien zu sichern und Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern zu verfestigen. Zum anderen stellt der Autor klar, dass seine Kritik am „weiblichen Biotop“ Schule keine negative Bewertung oder gar Infragestellung weiblicher Qualitäten in der Schule beinhaltet, sondern sich allein darauf bezieht, dass nach seiner Einschätzung weibliche Qualitäten dort zum alleinigen Maßstab gemacht werden. „Sowohl Jungen wie Mädchen“, so schließt Guggenbühl, „haben ein Anrecht auf einen Schulunterricht und eine Erziehung, die ihren Neigungen und Bedürfnissen entgegenkommt.“ (S. 183). Dem kann man in der Tat nur zustimmen.

 

Andreas Ruffing

 

 

 

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