Bründel, Hurrelmann, Erziehung zur Männlichkeit?!

Heidrun Bründel, Klaus Hurrelmann, Erziehung zur Männlichkeit?!, Beltz Juventa, Weinheim 2021


In dem Buch geht es um die Frage, wie Jungen durch Erziehungseinflüsse in Familie, Kindergarten und Schule in ihrer Männlichkeit bestätigt und gestärkt werden können. Als Ausgangspunkt wählt das Buch die Sozialisationstheorie, die über den ganzen Lebenslauf ein Wechselspiel von genetischen Anlagen und Umwelteinflüssen annimmt. Die Persönlichkeitsentwicklung ist ein Prozess der Verarbeitung von innerer und äußerer Realität.
Soviel sei schon jetzt gesagt, das Buch ist ein Plädoyer für eine Erziehung zur Männlichkeit und einer Position im Geschlechterverhältnis, die eine breite Palette des Empfindens und Verhaltens zulässt und nicht an traditionellen männlichen oder weiblichen Mustern orientiert ist sowie auf die Vorstellung einer Dominanz von Männern gegenüber Frauen verzichtet.
Jungen brauchen eine andere Erziehung als Mädchen, sie benötigen ein Mehr an Strukturen und klaren Regeln. Zugleich gehört für Jungen der Widerstand gegen solche Regeln zum Aufwachsen, weil sie ihre körperliche und soziale Kapazität ertasten wollen. Damit fordern sie eine (oftmals) anstrengende Auseinandersetzung mit ihnen. Jungen haben die Neigung, Anerkennung und Bestätigung zu wünschen bei gleichzeitiger Vorliebe für Selbstbestimmung und Eigenständigkeit. In dem Buch werden dazu in neun einzelnen Kapiteln wichtige Erkenntnisse der Forschung erarbeitet.

Der männliche Habitus wird im Laufe des Sozialisationsprozesses geprägt, ist allerdings ein Leben lang formbar und dadurch -in gewissen Grenzen- modifizierbar. Er wird durch gemeinsame Interaktionen in homosozialen Räumen geformt. Dort werden Normen „richtiger Männlichkeit“ definiert und eingeübt. Dabei kommt ein seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten entstandenes klischeehaftes „Must“ von Männlichkeit zum Tragen. Hegemoniale Muster müssen daher schon im Kindesalter zurückgedrängt werden. Das heißt dann auch eine zu starke Außenorientierung abzubauen und den Bezug zu Gefühlen zu stärken. Eltern sollten ihren Söhnen zuhören und versuchen, sich in ihre Perspektive hinein zu versetzen.

Dieses Buch stützt die These, dass Eltern ihre Kinder schon sehr früh mit bestimmten Geschlechtervorstellungen konfrontieren. (Namensgebung, geschlechtsspezifische Kleidung und Spielzeug). Die Erziehung von Jungen zur Männlichkeit ist restriktiver als die Erziehung von Mädchen zur Weiblichkeit.

Kinder kommen schon mit von ihren Eltern übernommenen Geschlechtsrollenbildern in die Kita. Mehr Männer in Kitas könnten Jungen eine größere Bandbreite männlicher Verhaltensweisen kennenlernen und Unterschiede im männlichen Verhalten konkret wahrnehmen. Ihr Verhaltensrepertoire soll erweitert werden.

Jungen verbalisieren Gefühle oft nicht, sondern drücken sie in Handlungen aus. Viele Jungen haben ihre Selbststeuerungsfähigkeit (Selbstkontrolle, Selbstdisziplin) nicht im Griff und riskieren damit schlechte Noten, viele fühlen sich in der Schule mit ihren Umgangsformen und Spielregeln nicht wohl. Männliche Schüler brauchen daher ein schulisches Umfeld, das ihnen die Möglichkeit eröffnet, die männliche Geschlechtsrolle in verschieden Varianten „spielen“ zu können. Dazu brauchen sie Freiräume, um Selbstbewusstsein, Risikofreude und Konkurrenz zu erleben.

Ein Wettbewerbsverhalten unter Jungen beginnt schon früh. In Jungenbeziehungen herrschen das gemeinsame Tun, das handeln, die Aktivität und die gemeinsamen Interessen vor. In den Peergroups werden die Mechanismen männlicher Sozialisation erlernt. Wettkampf, konkurrenzhafte Auseinandersetzung. Dafür sind Erfahrungsräume nötig, um sich Handlungsweisen anzueignen.

Jungen gehen oft sorglos mit ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit um. Gefühle werden oft externalisiert und damit oft unterdrückt. (Alkohol, Drogen). Jungen scheuen die Inanspruchnahme von Hilfen, weil es ihrer Form von Männlichkeit widerspricht, eine Form von Schwäche zu zeigen. Gesundheitsinformationen müssen daher darauf ausgerichtet sein, sie darin zu stärken, ihre männliche Rolle anzunehmen.


Eine Erziehung zur Männlichkeit bedeutet für die Autoren, Ihnen den Freiraum lassen, nach ihren eigenen Bedürfnissen und frei von Zwängen ein ganz persönliches Profil von Männlichkeit zu entwickeln. Entwicklungsaufgaben sind Binden (eigene Identität entwickeln, erfüllende Kontakte zu anderen Menschen einzugehen), Qualifizieren (veränderte Organisation des Unterrichts, mehr Männer in Lehrerberufen), Konsumieren (weniger riskantes Verbringen der Freizeit) und Partizipieren (Teilhabe und Mitwirkung in der Gesellschaft). Jungen brauchen eine andere Erziehung, welche von Regeln, Verständnis, Wertevermittlung, Präsenz und Unterstützung geprägt ist.

 

Menschen in pädagogisch verantwortlichen Rollen müssen Jungen ermutigen, ihre genetisch angelegten Eigenschaften auszuschöpfen und eine männliche Geschlechtsrolle zu erfüllen, ohne auf klischeehafte Verhaltensmuster zurückzugreifen. Söhne werden als Jungen geboren. Aber sie sollten nicht auf eine einzige fixierte Rolle als Mann vorbereitet werden, sondern lernen, eine Vielzahl von Rollenmöglichkeiten auszuschöpfen. Dabei kommt es insbesondere in den ersten Lebensmonaten darauf an, stereotype Formen zu vermeiden. Jungen müssen ermutigt werden, ihre eigene Männlichkeit zu entdecken und ihren individuellen Typus von Männlichkeit zu entfalten. Bedürfnisorientiert und gendersensibel heißt, seinem Jungen genau das in dem Moment zu geben, was er an Unterstützung benötigt, um eine erfolgreiche Persönlichkeitsentwicklung durchlaufen zu können. (Wünsche und Vorlieben kennen und darauf eingehen). Väter sollten Vorbild sein, insbesondere beim Ausdrücken von Gefühlen und vom Abgrenzen des starken Mannes. Neuere Forschungen zeigen, dass Väter genauso gut frühkindliche Bezugspersonen sein können wie Mütter. Außerdem sind Väter aufgrund des gleichen Geschlechts Geschlechtsrollenvorbilder.

Das Buch meiner Meinung nach für die in der Jungen- und Männerarbeit Engagierten wertvoll und lesenswert. Außerdem natürlich auch Alle, die selber Kinder haben.

Jürgen Döllmann

 

 

Stichworte: Jungen, Männlichkeit

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