Wenzel, Vom Traum zum Trauma

Caroline Wenzel, Vom Traum zum Trauma: Psychische Gewalt in Partnerschaften, Hirzel Verlag Stuttgart 2022


Psychische Gewalt -emotionale oder seelische Gewalt- wird häufig nur als Begleiterscheinung wahrgenommen, nicht als eigenständige Form häuslicher Gewalt neben körperlicher und sexualisierter Gewalt. Sie kann bei Betroffenen aber sehr schwerwiegende und langanhaltende Folgen hervorrufen. In diesem Buch kommen drei Betroffene ausführlich zu Wort, zwei Frauen und ein Mann. Es geht um die exemplarische Darstellung der Ausprägungen psychischer Gewalt in Partnerschaften. In Analysen werden die jeweils typischen Mechanismen zusammengefasst Dazu werden im Anschluss an die Schilderungen in Gesprächen mit ExpertInnen bestimmte Aspekte wie gesellschaftliche Ursachen und Zusammenhänge vertieft.

Die drei geschilderten Fälle wirken auf mich sehr beklemmend. Wenn in einem Fall beispielsweise die Frage aufgeworfen wird, wie konnte ich mich nur 15 Jahre lang so behandeln lassen als selbständige und früher so selbstbewusste Frau? Warum war ich nicht in der Lage, genauer hinzuschauen und rechtzeitig die Konsequenzen zu ziehen, mich selbst zu schützen? Erst allmählich wird klar, dass es ein Strudel war, in den ich während der Beziehung gezogen wurde. Du kannst dich nicht aus dieser emotionalen Abhängigkeit lösen. Mein früher so starkes Selbstbewusstsein bröckelte, ich fing an mir zu zweifeln, an allem. Was ich auch tat es schien falsch zu sein und führte zu neuen Konflikten.
Das Muster hinter der psychischen Gewalt ist oft ein Wechselspiel aus liebevoller Nähe und kalter Distanz. Er verhält sich fürsorglich und beschützend. Was sie anfangs genießt, entpuppt sich als Kontrolle. Psychische Gewalt besteht aus einem Bündel charakteristischer Verhaltensweisen. Zunächst erscheinen sie harmlos -wie Fürsorglichkeit, die sich dann aber in Kontrolle verwandeln kann. Doch in ihrer Gesamtheit setzen sie einen zerstörerischen Prozess in Gang, der sich von „normalen“ Auseinandersetzungen in Paarbeziehungen unterscheidet, nämlich durch die Achtung vor der anderen Person. Subtile Aggressionen und asymmetrische Gewalt folgen oft. Männer berichten, dass es Sie viel Überwindung gekostet hat, als Mann den Gewaltakt meiner Frau anzuzeigen. „Was würden sie über mich denken, würden sie mich als Schwächling sehen, der es nicht schafft, sich selbst zur Wehr zu setzen?“

Viele Geschichten von Betroffenen legen einen Zusammenhang zwischen einem erlebten Kontrollverlust der gewaltausübenden Person und darauffolgenden körperlichen Übergriffen nahe.
Polizei und Behörden tun sich oft schwer, die Muster und Auswirkungen psychischer Gewalt zu erkennen. Bedrohungen werden oft nur dann als Verletzungen gesehen, wenn ein körperlicher Schaden folgt. Gewalt, Macht und Verletzbarkeit haben nicht nur mit körperlicher Stärke und körperlichen Verletzungen zu tun, sondern auch viel mit psychischer Gewalt. Niemand kann sich so verhalten, dass er misshandelt wird. Für Erniedrigung und Herabwürdigungen gibt es keinen Grund!

Die anhaltende Diskriminierung, das permanente Herabsetzen wiegt oft schwerer als körperliche Gewalt. Männer sind oft viel kränkbarer und empfindlicher als Frauen, Und sie können schlechter damit umgehen, so reagieren viele mit Gewalt.

Politik, Behörden und Gesetzgebung nehmen sich dieses Themas trotz kontinuierlich steigender Zahlen nur sehr zögerlich an.
Das Buch wirkt auf mich durch die Nähe sehr beklemmend. Es ist eine notwenige Schilderung, teilweise beängstigend. Es trägt einerseits zum Bewusstsein Machen für die Mechanismen bei und es ermutigt, genauer hinzuschauen.

Jürgen Döllmann

Stichworte: Beziehung, Missbrauch

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