Ahmet Toprak, Toxische Männlichkeitsbilder in muslimischen Milieus, Psychosozial Verlag; Gießen 2025
In dem Buch werden Sozialisationsbedingungen und Erziehungsprozesse von Jugendlichen aus muslimischen Milieus beschrieben. Um Jugendliche an die familiäre Tradition zu binden, werden oft traditionelle Geschlechterrollen bevorzugt. Viele Eltern und Familien aus traditionellen Muslimischen Milieus in Deutschland sehen in Individualität nicht immer ein Ideal. Daher werden dann kollektive Interessen über individuelle Bedürfnisse gestellt. Der Vater ist der Beschützer und Ernährer, und die Mutter ist zuständig für Kinder und Haushalt. Kinder und Jugendliche erfahren, wie sie selbst von diesem Zusammenhalt profitieren können, eine Trennung von den Normen und Werten der Eltern kommt einem Bruch mit der Herkunft gleich, was mit vielen Risiken verbunden sein kann.
Denn auf der einen Seite steht das Bedürfnis einer individuellen Entwicklung der Heranwachsenden, auf der anderen Seite steht das Kollektiv. Bei der Wahl zwischen Freiheit und Sicherheit fühlen sich Jugendliche oft überfordert. Bindungen zu ihren Communities stellen für Jugendliche einen bedeutsamen Orientierungspunkt dar, da die Chance Anerkennung von außerhalb zu erfahren als gering eingeschätzt wird. Durch zur Schau stellen von traditionellen Männlichkeitsbildern kann Anerkennung und Aufmerksamkeit erhalten werden.

Die Vermittlung von Werten hat für viele Familien in der Migrationsgesellschaft einen großen Stellenwert, da für sie religiöse Praxis und religiöse Bildungsangebote nicht in dem Maße umsetzbar sind wie in den Herkunftsgesellschaften. Religion dient oft den Eltern als klare Orientierung in schwieriger gewordenen Erziehungsinhalten. Außerdem bedeuten gesellschaftliche Entwicklungen der Gegenwart oftmals die Auflösung klar definierter Identitätsmuster.
Das Gefühl der Zusammengehörigkeit wird von den Eltern an die Kinder weitervermittelt. Da die in den Herkunftsländern üblichen sozialen Netzwerke in Deutschland fehlen, ist der Zusammenhalt der Familie von zentraler Bedeutung. Hauptziele in der Erziehung sind dabei, dass die Jungen zum späteren Familienoberhaupt und Ernährer der Familie erzogen werden, die Mädchen zur späteren Hausfrau und Mutter. Nur solange man den traditionellen Prinzipien treu bleibt, können die Jugendlichen, vor allem die Jungen, von diesem Zusammenhalt profitieren. Solidarität und Loyalität gegenüber den Eltern und Familienmitgliedern sind deshalb die wichtigsten Werte. Freundschaft und Ehre sind in diesem Zusammenhang wichtige Begriffe.
Bei vielen gerade männlichen Jugendlichen bleibt das Bild von Deutschland verzerrt, weil sie im Alltag unter sich bleiben. Durch die unreflektierte Übertragung traditioneller Werte und strenger Geschlechterrollen sind viele muslimische Männer nicht ausreichend auf die Erfordernisse der globalisierten westlichen Industriegesellschaft vorbereitet. (Flexibilität im Denken, Teamfähigkeit, Kritikfähigkeit, eigenständige Meinungsbildung) – und häufig auch eine hochwertige Schul- und Berufsausbildung. Hinzukommen in vielen Fällen eigene Diskriminierungserfahrungen.
Was bleibt zu tun? Wir müssen die jungen Männer, die hier geboren sind, früh erreichen, damit sie die freiheitlichen und modernen Werte und Normen in Deutschland in Bezug auf Bildung, Einstellung zu Gewalt und Geschlechterrollen adaptieren und nutzen können. Es müssen Perspektiven in dieser Gesellschaft eröffnet werden, damit ein offenes, auf Gleichberechtigung basierendes Leben attraktiver erscheint als der Rückzug in eine eigene ethnische Nische.
Für mich ein lesenswertes und erhellendes Buch. Die Männlichkeitsbilder in muslimischen Milieus sind eindrücklich beschrieben. Das Buch ist nicht nur etwas für Fachleute, die Jugendlichen mit Migrationshintergrund arbeiten. Ich denke, das Buch trägt auch zum besseren Verständnis in unserer Gesellschaft bei.
Jürgen Döllmann
Stichworte: Männer Heute, Männlichkeit, Untersuchungen und Studien

