Pichler, Winkler (Hrsg.), Die Bibel und ihre Mannsbilder

Josef Pichler, Matthias Winkler (Hrsg.), Die Bibel und ihre Mannsbilder. Männlichkeiten neu entdeckt, Stuttgart (Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH) 2025.

Klar, die antike Welt, in der die unterschiedlichen Bücher der Bibel entstanden sind, war eine zutiefst patriarchal konstruierte Welt, in der Männer das Sagen hatten und Frauen (und andere Geschlechter) sich ihnen unterzuordnen hatten. Die lange Zeit Entstehungsgeschichte der Bibel ist ein eindrücklicher Beleg dafür. Dies arbeiten die einzelnen Beiträge des vorliegenden Buches in meist kurzen, sehr gut lesbaren, und gleichzeitig fachlich überaus versierten Artikeln auf eindrucksvolle Weise heraus. Dies kommt den neueren Lesegewohnheiten sehr entgegen, ohne es an Qualität missen zu lassen.

Die Bücher der Bibel sind, so das Ergebnis der Lektüre des Bandes, nicht nur Belege für das Patriarchat. Die biblischen Geschichten zeigen eine Diversität von Männlichkeiten, die man ihnen möglicherweise nicht zugetraut hätte. Auch wenn das Patriarchat DIE Herrschaft(sic!)sform war, sind die geschilderten Männerpersönlichkeiten nicht alle herrschaftssüchtige Männer oder Profiteure hegemonialer Männlichkeit. Und selbst wenn ein Mann wie David mit allen patriarchalen Wassern gewaschen war, wird er in einer anderen Facette als feinfühlig liebender Freund von Jonathan geschildert, und zwar nicht in der Form einer klassischen Männerfreundschaft, sondern einer tiefen Freundschaft, der durchaus erotische Züge trägt – und zu Tränen rühren kann (sehr gern einmal im Original lesen bitte (1 Sam 18-20 und der Beitrag im Buch dazu S.97-103)! Anderes Beispiel: Jesus. Auch er war dem Zeitgeist des Patriarchats durchaus verhaftet. Und dennoch durchbrach er bewusst und provokant die Zwänge der Geschlechterklischees.

Die Beiträge des Buches legen darüber hinaus offen, dass nicht nur Frauen unter dem patriarchalen Prinzip litten, sondern auch Männer. Nämlich dann, wenn sie gezwungen waren, sich einem mächtigeren Mann unterwerfen zu müssen. Ob deshalb die These stimmt, dass letztlich die Männer immer von der „patriarchalen Dividende“ (S. 133, im Beitrag von Erich Lehner und Christine Rajic) profitieren, eben weil sie Männer sind, darf hingegen bezweifelt werden. In den kriegerischen Zeiten der biblischen Bücher sind es so gut wie immer Männer, die zum Töten und Getötet werden geschickt werden. Dies hat sich leider seit den Urzeiten nicht geändert. Fragen kann man zum Beispiel diejenigen Männer nicht mehr, die in Putins Krieg mit der Methode „Fleischwolf“ in die ersten Sturmreihen gegen die Ukraine geschickt werden, damit allein durch das Gegenfeuer, das die Männer mit hoher Wahrscheinlichkeit tötet, bekannt wird, wo die Stellungen der Verteidiger sind. Wo bleibt da die patriarchale Dividende? Für das „Privileg“, ein Mann zu sein, können sich die meist materiell armen nichts kaufen, weil sie schlimmstenfalls tot sind.

Und was ist mit Jesus? Die Tötungsart der Kreuzigung war eine Foltermethode exklusiv für Männer, um ihnen die männliche Würde zu nehmen. Jesus ist ein sehr eindrückliches Opfer des Patriarchats. (Siehe Beitrag von Hans-Ulrich Weidemann, Eine Mannespassion S.184-192.) Seine spätere „Karriere“ als Held der Auferstehung als patriarchale Dividende zu charakterisieren: könnte man machen. Wäre aber etwas zynisch, oder irre ich?

Die Auseinandersetzung mit den Männlichkeiten der Bibel zeigt tatsächlich eine große Bandbreite. Patriarchale Männer, Täter, Opfer, Schuldige, Unschuldige, harte, weiche, feige, mutige Männer, sexuelle Missbrauchstäter und -opfer: alles da. Selbst der Eunuche, der mit seiner speziellen Männlichkeit dezidiert gegen das toxische Männlichkeitsprinzip rebelliert. Viel zu wenig weiß man von dieser Vielfalt biblischer Erzählungen. Das vorliegende Buch ist ein wertvoller Betrag für die Aktualität und Vielschichtigkeit der Bibel.

Einzige kleine Kritik: Der Titel des Buches bezieht sich auf einen Begriff aus dem süddeutschen Dialekt: „Mannsbilder“. Dieser kommt nicht nur in anderen Regionen Deutschlands nicht vor, er transportiert darüber hinaus ein bestimmtes Klischee von Männlichkeit. Der Plural reicht m.E. nicht aus, diejenige Diversität von Männlichkeiten zu charakterisieren, die aber tatsächlich in dem Band so gekonnt dargestellt werden. Zum Glück gibt es dann noch den Untertitel, der mehr verheißt. Gut so!

Dr. Andreas Heek, Theologe, Leiter der Arbeitsstelle Männerseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz und Geschäftsführer des Forums katholischer Männer.

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