Mino Vianello / Elena Caramazza, Gender, Raum und Macht.

Vianello / Caramazza, Gender, Raum und Macht. Auf dem Weg zu einer postmaskulinen Gesellschaft. Ein Essay. Verlag Barbara Budrich, Opladen & Farmington Hills 2007. ISBN 978-3-938094-45-7. VII und 134 Seiten, € 14,90.

 

„Das Buch ist eine … Überlegung zum Thema der unterschiedlichen Identitäten von Mann und Frau und deren Verhältnis zur Macht im öffentlichen Raum“ (S. 7) – so charakterisieren Vianello und Caramazza selbst ihr Werk. Diese „Überlegung“ ist verbunden mit einer Hypothese, der Einführung einer Deutungskategorie und einem politischen Anliegen.

Zuerst zur Hypothese: Nur Frauen können Leben – Kinder – hervorbringen. In der Entwicklungsgeschichte des Menschen kam deshalb bei den Männern ein Zeugungsneid auf, den sie durch die Jagd zu kompensieren suchten. Dieser Kompensationsmechanismus führte bei den Männern weiterhin zur Entwicklung von Waffen, zu Gewalt, Krieg, Machtstreben, Unterdrückung der Frauen.

Das war verbunden mit einer Raumaufteilung der Geschlechter: die Frauen im Innenraum („ovularer Raum“), die Männer im Außenraum, wo sie das strategische Denken entfalteten. „Raum“ ist auch die Deutungskategorie, die die Autoren als besonders bestimmend für unser Denken hervorheben und deren Allgegenwart in der menschlichen Kultur (von der Religion über Technik und Recht bis zur Sexualität) sie aufzeigen. Dabei ist gerade der öffentliche Raum von männlicher Macht und männlichen Vorstellungen geprägt (ein eigener Teil des Buches zeigt das speziell für eine Reihe von Sozial- und Kulturwissenschaften).

Damit sind wir beim politischen Anliegen des Buches, das in den Ausführungen immer deutlicher hervortritt: dass den Frauen ein angemessener Raum im politischen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen etc. Leben eingeräumt wird. Dazu halten die Autoren eine „Resozialisierung der Männer“ für nötig, denn die „positiven Elemente im Mann wurden zum großen Teil … im Lauf der geschichtlichen Evolution verformt“ (S. 70). Letztendlich fordern sie eine radikale Umgestaltung unserer ganzen Kultur und entwickeln schließlich schon eine politische Strategie für eine „humanistische Bewegung“.

Als ein „Essay“, das auf „Mutmaßungen“ basiert (S. 12), charakterisieren die Autoren ihr Buch selber. Sie ziehen zur Stützung ihrer Gedanken eine Fülle von Erkenntnissen aus den verschiedensten Wissenschaften heran – inwieweit das im Einzelnen haltbar ist, mögen Fachleute beurteilen. Dass das Buch nach eigenen Angaben (S. 135) bereits in sechs Sprachen erschienen ist, dass – was man sonst eigentlich von amerikanischen Publikationen kennt – bereits erste rühmende Stimmen zum Buch auf dem Umschlag abgedruckt sind, sollte einen nicht in Ehrfurcht erstarren lassen. Auf S. 119 stellen die Autoren selbst die Frage, ob ihr Werk wirklich etwas Neues ist oder schon lange Bekanntes bringt – eine Frage, die der Rezensent mehr in letzterer Hinsicht beantworten würde. Denn vielfach handelt es sich um die bereits vertraute (deshalb aber keineswegs unberechtigte) Kritik aus feministischer bzw. frauenrechtlerischer Warte an unserer Gesellschaft. Dennoch – gerade was die Ausführungen zur unterschiedlichen Raum-Vorstellung bei Männern und Frauen anbelangt – könnte sich durchaus die Hoffnung der Autoren erfüllen, dass diese „Überlegung“ zu weiteren Untersuchungen und Forschungen anregt (S. 12).

 

Martin Hochholzer

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