Karfreitag

Auf der Intensivstation – zerrissen zwischen Angst und Beten

Es ist 02:19 Uhr. Ich erwache und streiche mit beiden Händen an meinen Oberschenkeln entlang. Ich kann es nicht glauben. Plötzlich bin ich hellwach. Das kann doch gar nicht sein.
Der linke Oberschenkel fühlt sich pelzig an. Panik steigt in mir auf. Scheiße! Schlaganfall? Hirntumor?… schnell….ja, jetzt muss es schnell gehen. Ich wecke meine Partnerin und bitte Sie, mich sofort in die Notaufnahme zu fahren. Auf der Fahrt erlebe ich einen unvorstellbaren, immer wiederkehrenden und nicht zu kontrollierenden Schüttelfrost. Ich habe keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Gott, warum jetzt, warum mir? Was ist passiert? Angst, unendliche Angst spüre ich in mir. 
In der Notaufnahme wird routiniert das Notfallprogramm durchgeführt. Braunüle legen, EKG, Blutabnahme, Notfall-Angiographie und Computertomographie. Ja, alle sehr freundlich und hilfsbereit. Ich oute mich als einer vom „Fach“, was gleich die Kommunikation vereinfacht und Augenhöhe herstellt. „Na, Sie wissen ja, was jetzt kommt“, kriege ich zu hören.
Aber was nutzt mir mein Wissen? Ich stelle mir Fragen wie: Bin ich jetzt dran? Steht jetzt mein Name im „Großen Buch“?

Auf der Fahrt mit dem Bett durch die Krankenhausflure auf die neurologische Intensivstation. scherze ich mit der Ärztin und sage „Wollen wir nicht lieber abbiegen und nach Hause fahren?“
Wieso sage ich das? Die weißen Deckenlichter rauschen in beeindruckender Geschwindigkeit an mir vorbei. War’s das jetzt? Werde ich körperlich oder geistig behindert werden, ein Hirntumor oder eine tödlich verlaufende chronische Nervenerkrankung mein Leben beenden? Angst, Panik, Angst, Panik, Angst!

Auf der neurologischen Intensivstation. Alle 15 Minuten erfolgt eine automatische Blutdruckmessung, der EKG-Monitor meldet sich leise im Herzrhythmus.
Ich kann nicht schlafen, komme nicht zur Ruhe. Ertappe mich dabei, wie ich versuche, die lauten Zwiegespräche des Pflegepersonals zu verstehen.
Ausgeliefert, in einem Flügelhemd, hilflos auf dem Bett liegend …, aber ich kann selbst atmen und denken.

Ein Gebet, ja, ich fange an zu beten.

Mein Gott... Ich bin wütend, klage, weine…und dann… eine wohltuende Wärme steigt plötzlich in mir auf. Voller Demut und Dankbarkeit nehme ich dieses Gefühl an.
Mittlerweile ist es 08:30 Uhr. Ich fühle mich müde, übernächtigt und trotzdem ist da wieder eine innere Kraft und Energie. Ich stehe auf und mache meine gymnastischen Übungen. Mir ist noch schwindelig und mein starker Tinnitus im linken Ohr wird mir wieder bewusst. Verrückt, woher kommt diese plötzliche Stärke?
Der Neurologe kommt und macht diverse Tests und Untersuchungen. Alle ohne pathologischen Befund.

Alles kommt mir wie ein böser Alptraum vor.
Die anschließenden ärztlichen Befunde von CT, MRT, Labor ergeben keinerlei Hinweise auf pathologische Befunde in meinem Organismus.

War es mein Glaube, die Gebete, die mir durch diese Stunden geholfen haben, mir den Weg aufgezeigt haben?

Es waren bange Stunden voller Verzweiflung und Zerrissenheit.

Dieses Ereignis hat mir bewusst gemacht, dass ich jetzt ins letzte Drittel meines Lebens eingetreten bin. Die Fragilität des menschlichen Lebens habe ich sehr bewusst wahrgenommen.
Voller Demut und Dankbarkeit bin ich über den letztendlich glimpflichen Ausgang der Ereignisse. Das war mein „Karfreitag“, eine einschneidende Erfahrung.

Joachim Behac

Foto:
https://pixabay.com/photos/rescue-rescue-service-ambulance-3735206



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