Leikert, Der desorientierte Mann

Sebastian Leikert, Der desorientierte Mann, Hindernisse auf dem Weg zu einer generativen Männlichkeit, Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt/ Main 2025

Warum es Männern in Beziehungen so schwer fällt, die Herausforderungen der Frauenemanzipation positiv anzunehmen werden in diesem Essay über das heterosexuelle Geschlechterverhältnis beleuchtet. Der Autor, Psychoanalytiker, beobachtet eine Schwierigkeit von Männern, sich in der Partnerschaft gleichberechtigt zu verhalten, emotional präsent zu sein und eigene Wünsche aktiv in den emotionalen Austausch der Beziehung einzubringen. Es fehle ein Leitbild für den postpatriarchalen Mann abseits der bloßen Negation der patriarchalen Männlichkeit. Und es fehlt die Verhandlungskunst des Mannes in Beziehungen zwischen Machtgeste und Unterwerfung.

Als ein Leitbild für den postpatriarchalen Mann wird in dem Buch ein Denken postuliert, in dem man beide Geschlechter wertschätzt und ihren Beitrag zur Partnerschaft würdigt. Der Mann sollte nicht weiblicher werden, sondern so viel fühlen, wie er es für richtig hält, soviel konkurrieren, wie es ihm Spaß macht und so risikofreudig sein, wie er es für spannend hält. Entscheidend ist, dass er Frauen nicht abwertet oder dominieren will und sich Frauen und Männer partnerschaftlich und respektvoll verhalten.
Viele momentane Debatten sind sehr einseitig auf stereotyp zugeschriebene Eigenschaften der Geschlechter zugeschnitten. Diese ist aber schon lange nicht mehr Realität. Allgemeingültige Charakteranforderungen für Männer und Frauen aufzustellen, ist nicht sinnvoll. Vielfältige Lebensentwürfe sind möglich! Verhandeln mit der Partnerin ist die zentrale Schwierigkeit des Mannes in einer Paarbeziehung. Weiterhin existieren verschiedene Hindernisse, die es dem jungen Mann erschweren, im Team Gleichberechtigung in einer Beziehung zu spielen. Bindung und Autonomie müssen verhandelt werden. Man muss sich absprechen. Männer sind es oft nicht gewohnt, Beziehungen wahrzunehmen, zu verbalisieren und zu verhandeln. Außerdem gibt es kaum positive Männerbilder, weder vom eigenen Vater noch in den Medien. Erforderliche Lernprozesse vollzieht sich nicht spontan und automatisch in den Peergroups. Daher ist der naheliegendste Ort des Lernens die Beziehung selbst. Der emotionale Diskurs wird allerdings oft unbewusst als weiblich empfunden und somit als Entwicklungsziel abgelehnt. Männer müssen auf dem Weg unterstützt werden, Rückschläge in Beziehungen müssen konstruktiv verarbeitet werden. Eine wirkliche Kommunikation und Gleichberechtigung ist für uns Männer ein wirkliches Entwicklungsziel.  
Viele Männer sind verunsichert und haben kein Leitbild dafür, wie man gleichzeitig partnerschaftlich und männlich-selbstbewusst sein könnte. Dieses Fehlen eines Leitbildes führt zu einer tiefen Verunsicherung und Desorientierung bis hin zu einer destruktiven Selbstkritik, in der alles abgelehnt wird, was irgendwie männlich-selbstbewusst erscheint.
Statt eigene Wünsche zu formulieren und aktiv im „Parlament der Beziehung“ zu verhandeln, passt sich der Mann ängstlich an die Partnerin an oder macht ohne Diskussion, was er will. Beides ist nicht partnerschaftlich und führt aufseiten der Frau zu Enttäuschung und Rückzug. Ihr Klärungsversuch – „Schatz, wir müssen reden“ – wird als Frontalangriff erlebt. Der Mann zeigt dann einen „Autonomie-Dachschaden“, weil er seine berechtigten Autonomiewünsche nicht aktiv und partnerschaftlich verhandelt, sondern sie durchsetzt, als gäbe es gar keine Beziehung, oder scheinbar ganz auf Autonomie verzichtet.
Zudem kann er sich bezüglich der Aufgabe, eine Partnerschaft zu gestalten, weder an der Vorgeneration orientieren – die handelte ja patriarchal –, noch findet er in den Medien brauchbare Vorbilder.
Das Buch gibt eine Einblick auf die Frage nach der Kommunikation in Beziehungen. Aber ich hätte mir gewünscht, das in Buch nicht nur beschrieben wird, wieso wir immer wieder in denselben Mustern landen, sondern mehr praktische Schritte zur Überwindung und damit konkrete Handlungsmöglichkeiten gezeigt werden.

Jürgen Döllmann

Stichworte: Männer Heute, Männlichkeit,

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