Heimbach-Steins, „… nicht mehr Mann und Frau“.

Marianne Heimbach-Steins, „… nicht mehr Mann und Frau“. Sozialethische Studien zu Geschlechterverhältnis und Geschlechtergerechtigkeit. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2009. ISBN 978-3-7917-2195-8. 384 Seiten, € 29,90.

 

Der vorliegende Band versammelt (vgl. die Übersicht S. 383 f.) eine Reihe von Aufsätzen der Bamberger Theologin seit dem Jahre 2001, die sich alle um die Frage gruppieren, wie denn eine geschlechtersensible und -gerechte christliche Sozialethik auszusehen hat, wo sie ihre Maßstäbe hernimmt, aber ebenso, welchen Behinderungen sie gerade auch in ihrer speziell katholischen Variante ausgesetzt ist.

Und so enthält das Buch auch einen ersten, mit „Sichtbehinderungen“ überschriebenen Teil (S. 9-177), in dem die Autorin zunächst die kirchliche Sozialverkündigung des 20. Jahrhunderts mit ihren Aussagen zur Frauenfrage und zum Geschlechterverhältnis Revue passieren lässt. Der Gang durch die Geschichte bis hin zur Analyse aktueller lehramtlicher Dokumente zeigt für Heimbach-Steins deutlich, dass trotz „Öffnung der lehramtlichen Verkündigung auf die moderne Welt“ im Zweiten Vatikanum die „Spuren des patriarchal-hierarchischen Denkens … keineswegs aus dem kirchlichen Sprechen verschwunden“ (S. 88) sind. Als Beispiel analysiert Heimbach-Steins in einem eigenen Kapitel das Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre über die Zusammenarbeit von Frau und Mann aus dem Jahr 2004 (S. 163-177). Ihr persönliches Fazit: Es braucht „den Mut einer widerständigen Hoffnung …, um in kleinen Schritten der Utopie einer geschwisterlichen Kirche näher zu kommen“ (S. 89).

Und die christliche Sozialethik? Ihr attestiert Heimbach-Steins im Rückblick eine weitgehende „Genderblindheit“ (S. 156) und fordert daher für die Zukunft eine genderbewusste christliche Sozialethik, die „Erfahrungen von Frauen wie von Männern mit gesellschaftlichen Prozessen … als solche, also mit ihren jeweils geschlechtsspezifischen Profilen und Konnotationen, im Kontext sozialethischer Reflexion“ (S. 159 f.) aufgreift, analysiert und reflektiert. Ausgehend vom christlichen Persondenken sind dabei für Heimbach-Steins die allgemeinen Menschenrechte Maßstab für eine solche genderbewusste und geschlechtergerechte Sozialethik. Dies führt die Autorin im zweiten Teil unter der Überschrift „Sichtachsen“ genauer aus (S. 179-345). Und sie macht deutlich: Eine Sozialethik, die sich vom Anspruch der Geschlechtergerechtigkeit, wie es die allgemeinen Menschenrechte konstitutiv fordern, inspirieren lässt, sollte kirchliches Handeln „auf allen Ebenen bereichern, stärken und konstruktiv-kritisch begleiten“ (S. 289). Notwendig, so Heimbach-Steins, ist dies allemal: Wenn Kirche glaubwürdige Anwältin der Menschenrechte sein will, dann wird sie sich auch daran messen lassen müssen, inwieweit ihr eigenes Handeln menschenrechtlichem Anspruch genügt. „Für den Bereich der Anerkennung von Frauenrechten als Menschenrechten kann dieser Anspruch bislang nicht als eingelöst gelten“ (ebd.).

Man merkt dem Buch an, dass sich die Autorin viele Jahre als katholische Theologin und Sozialethikerin persönlich engagiert und wissenschaftlich fundiert mit den Themen Geschlechtergerechtigkeit und Frauenrechte beschäftigt hat. Die Entscheidung, entsprechende Artikel aus den vergangenen Jahren zu einem Buch zusammenzufassen, führt trotz der Überarbeitung einzelner Beiträge hier und da zu gewissen Wiederholungen in der Darstellung. Als störend habe ich dies jedoch nicht empfunden. Vielmehr wird daran die besondere Genese des Buches sichtbar, das sich auf diese Weise als vorläufiger Endpunkt einer längeren Denkbewegung der Autorin hin zu einer „gendersensitiven kontextuellen Sozialethik“ erweist (vgl. dazu das zusammenfassende Schlusskapitel).

Ich habe das Buch auf jeden Fall mit großem Gewinn gelesen. Für alle Frauen und Männer, die sich in und außerhalb der Kirche für mehr Geschlechtergerechtigkeit einsetzen, ist es ein lesenswertes Werk, das nicht nur eine hilfreiche sozialethische Begründung für das eigene Engagement liefert, sondern auch Wege für die Herstellung gerechter Geschlechterverhältnisse aufzeigt, ohne bestehende Blockaden und Hindernisse gerade auch im Raum der katholischen Kirche zu verschweigen.

 

Andreas Ruffing

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