Ebertz/Hunstig (Hg.), Hinaus ins Weite.

Michael N. Ebertz / Hans-Georg Hunstig (Hg.), Hinaus ins Weite. Gehversuche einer milieusensiblen Kirche. Echter, o. O., o. J. (Würzburg 2008). ISBN 978-3-429-02976-0. 312 Seiten, € 16,80.

 

2005 erschien die Sinus-Milieu-Studie zu den „religiösen und kirchlichen Orientierungen“ in den 10 Milieus, die dieses Modell unterscheidet. Und sie hat in den drei Jahren seitdem eine fulminante Rezeption erfahren: Unzählige kirchliche Gruppen, Einrichtungen und Gremien beschäftigten sich mit den Ergebnissen. Auch die Haupttagung 2006 der katholischen Männerarbeit setzte sich damit auseinander.

Grundsätzlich geht aus der Studie hervor, dass die meisten kirchlichen Angebote nur einige wenige Milieus erreichen, während weite Teile der Bevölkerung sich davon nicht angesprochen fühlen: Dafür sind die Erwartungen an die Kirche (falls es solche gibt) und das, was geschätzt bzw. nicht geschätzt wird, zu unterschiedlich. Zugleich aber kann man der Studie Hinweise entnehmen, wie und womit man bestimmte Milieus gezielt ansprechen kann.

„Ich habe endlich wieder Lust auf Leute, die anders sind als wir. Und ich bin motiviert, an einer Kirche mitzuarbeiten, die wieder Lust hat auf Leute, die anders sind.“ Diese Rückmeldung einer Frau zu der Studie, die auf S. 36 zitiert wird, fasst die Stimmung recht gut zusammen, die in den 20 kurzen Berichten aus der Praxis durchscheint (wie alle Beiträge mit „assoziativen Fotos“ eingeleitet). Akteure aus den unterschiedlichsten Handlungsfeldern kirchlichen Lebens berichten über ihre Erfahrungen und ihre ersten Projekte mit der Studie; manchmal sind es auch nur erste, eher allgemeine Überlegungen. Erhellend ist etwa der Blick, den zwei Beiträge auf typische Gemeinden und deren Angebote und Gebäude (!) werfen (S. 156–162 und 163–176): Offenheit gegenüber Außenstehenden ist wenig zu spüren! Regelrecht durchbuchstabiert werden Erkenntnisse aus der Studie in einem Kommunionkurs für Konsum-Materialisten (S. 189–196). Als Beispiel aus einem Verband steht die Frauen-Motorradwallfahrt der Paderborner kfd für Postmaterielle und Experimentalisten (S. 212–217). Weitere Beiträge kommen aus der Sozial- und Jugendarbeit, dem Kapuzinerorden, der Erwachsenenbildung, der Gefängnisseelsorge, dem ZdK etc.

Doch zuvor wird in einem ersten Teil – „Zugänge“ überschrieben – Allgemeineres zu der Studie gesagt. Michael N. Ebertz stellt zuerst einmal die Studie vor (S. 17–34), und Matthias Sellmann von der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle (KSA), die die Studie in Auftrag gegeben hat, fasst die bisherige Rezeption zusammen (S. 35–44). Letzterer stellt auch die Milieukarten vor, mit denen man relativ genau für einzelne Straßenzüge (!) entnehmen kann, welche Milieus dort anzutreffen sein dürften (S. 123–129). Vor verschiedenen pastoraltheologischen Grundsatzüberlegungen (S. 67–106) werfen Marlis Gielen und Maria-Barbara von Stritzky noch einen Blick auf die Kirche im Neuen Testament und im Altertum (S. 45–57 und 58–66), wo man sich bemüht hat, die christliche Botschaft trotz aller Schwierigkeiten an alle Menschen zu vermitteln (also keine „Milieus“ von der Verkündigung ausgeklammert hat). Besonders erhellend fand ich den Beitrag von Rainer Bucher (S. 67–76): „Nur deshalb“, schreibt er, „brauchen Kirchen ‚Zielgruppenkenntnisse‘. Nicht, um ihre Botschaft zu adaptieren, sondern um mit allen Kulturen heute, den globalen wie den lokalen, gemeinsam auf die Entdeckungsreise zu gehen, was es denn bedeuten könnte, an diesen Gott des Jesus zu glauben“ (S. 72).

Interessant sind auch Seitenblicke von evangelischer Seite, wo man schon länger mit anderen Milieueinteilungen arbeitet (S. 107–122 und 182–188). Das macht deutlich: Die Sinus-Milieus dürfen nicht verabsolutiert werden – sie sind aber eine ausgezeichnete pastorale Sehhilfe.

Nicht alle Beiträge sind gleich interessant und erhellend. Auch überschneidet und wiederholt sich manches, was aber bei einem solchen Sammelband nicht verwundert. Sicherlich hilfreich sind jedoch die Kontaktadressen zu den Praxisbeispielen, die sich am Ende des Buches finden (S. 308–310). Und insgesamt handelt es sich um ein gut aufgemachtes Mutmachbuch, das hoffentlich viele dazu inspiriert, ihrerseits neue Wege zu versuchen, die Kirche „hinaus ins Weite“ zu führen.

 

Martin Hochholzer

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