Drinck, Vatertheorien.

Barbara Drinck, Vatertheorien. Geschichte und Perspektive. Verlag Barbara Budrich, Opladen 2005. ISBN 3-938094-22-2. 257 Seiten, € 19,90.

 

Die vorliegende Veröffentlichung stellt eine gekürzte Fassung der Habilitationsschrift der Verfasserin dar, die unter dem Titel „Der verlorene Vater. Analysen erziehungswissenschaftlich bedeutsamer Diskurse seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert“ im Jahre 2002 von der Freien Universität Berlin angenommen wurde. Barbara Drinck zeichnet anhand von entsprechenden pädagogischen, psychologischen und soziologischen Beiträgen Vatertheorien der letzten 250 Jahre nach. Anlass der Studie ist dabei die Beobachtung, dass in der zur Zeit boomenden Literatur über Väter „von historischen Wahrheiten über den Vater“ ausgegangen wird, „die jedoch in einem diskursiven Raum entstanden sind und durch historiographische Quellen nicht abgesichert werden“ (S. 7). In besonderer Weise – so die Autorin – begegne dabei die ontologische Figur des „traditionellen“ bzw. „klassischen“ Vaters, der je nach Standort der VerfasserInnen entweder positiv bewertet oder als Verkörperung des Patriarchats abgelehnt wird. Ob es diesen „traditionellen Vater“ jedoch überhaupt real gegeben hat oder er allein fiktives Konstrukt eines pädagogischen, soziologischen oder psychologischen Diskurses ist, bleibt dabei offen. Aufgrund ihrer Analysen kommt die Autorin zu dem Schluss, dass der „traditionelle Vater“ eine Schöpfung pädagogischer Handbücher des 19. Jahrhunderts ist, der dann Ende des 20. Jahrhunderts in Geschlechterdiskursen wieder auftaucht. Interessant war für mich der Aufweis der Autorin, dass auch die „Gegenfigur“ des „neuen Vaters“, wie er in vielen aktuellen Veröffentlichungen begegnet, keineswegs eine Schöpfung der letzten Jahre ist. Vielmehr lässt sie sich auf ein entsprechendes Vaterbild der Aufklärung zurückverfolgen. Dieser „neue Vater“ wurde dann aber in der pädagogischen Literatur des 19. Jahrhunderts bewusst verschwiegen (vgl. hierzu die Übersicht auf S. 226).

Barbara Drinck hat zweifellos eine interessante und in ihrer Detailfülle beeindruckende Arbeit (man beachte allein nur das 25 Seiten umfassende Literatur- und Quellenverzeichnis!) vorgelegt. Das Buch fordert nicht nur Akteure im Feld der Väterforschung, sondern auch der Väterarbeit auf, sich kritisch mit den der eigenen Arbeit zugrunde liegenden Väterbildern und Vätertheorien auseinanderzusetzen. Hier kann die Arbeit auch für Praktiker in der Männer- und Väterarbeit, die natürlich von bestimmten Diskursen geprägt sind, manches Erhellende und vielleicht auch Irritierende beitragen. Gerade das V. Kapitel, das sich mit den Väterkonzepten im Kontext gegenwärtiger Geschlechtertheorien auseinandersetzt, und das VI. Kapitel, das die aktuelle Männerforschung in den Blick nimmt, sind hier von besonderem Interesse, weil sie auch einen guten Überblick über die Forschungslage geben. Letztlich unbeantwortet in der Arbeit von Barbara Drinck bleibt für mich allerdings trotzdem die Frage, ob Diskurse über den Vater die Wirklichkeit, von der sie reden, erst konstruieren oder auch schon bereits Reflexe auf in der Realität vorfindbares Vatersein sind. Das freilich scheint letztlich doch wieder die Frage nach der Henne und dem Ei zu sein.

 

Andreas Ruffing

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