Renate Jost, Frauenmacht und Männerliebe. Egalitäre Utopien aus der Frühzeit Israels. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2006. ISBN 978-3-17-019511-0. 191 Seiten, € 19,80.

 

Die Bibel gilt gemeinhin als Dokument einer patriarchalen Kultur. In den biblischen Texten – so ist oft zu hören – begegnet heutigen Leserinnen und Lesern auf Schritt und Tritt ein markantes asymmetrisches Geschlechterverhältnis, das Frauen den Männern unterordnet. Und als sei dies noch nicht genug, werde – so ist weiter zu hören – das patriarchale System zudem noch durch die überwiegend männlichen Verfasser der biblischen Texte an vielen Stellen massiv theologisch legitimiert. Besonders das Alte Testament gerät an dieser Stelle – von wenigen Ausnahmen wie Gen 1 einmal abgesehen – unter Generalverdacht.

Da mutet es auf den ersten Blick einigermaßen erstaunlich an, dass die evangelische Alttestamentlerin Renate Jost ausgerechnet in einigen Texten aus dem Richterbuch (Ri 4f; 11; 13; 16 und 19) geschlechtssymmetrische resp. geschlechtsasymmetrische (im Falle von Ri 4f) Gesellschaftsmodelle zugunsten von Frauen „als Ideal und vergangene Möglichkeit“ (S. 179) propagiert sieht. Auf den zweiten Blick freilich erweist sich gerade das Richterbuch aus zwei Gründen als der geeignete biblische Ort, um solchen Konzepten auf die Spur zu kommen: Zum einen ist an diesem biblischen Buch immer schon aufgefallen, welch herausgehobene Rolle Frauen in einzelnen Erzählungen spielen. Und zum zweiten sind bekanntermaßen gerade im Richterbuch antikönigliche Texte bewahrt, die vehement für eine egalitäre Gesellschaft eintreten, am markantesten sicherlich in der Jotam-Fabel (Ri 9). Das Verdienst von Renate Jost ist es nun, sichtbar zu machen, dass diese Texte aus der Frühzeit Israels gerade auch das Verhältnis der Geschlechter als wesentliche Komponente einer egalitären Gesellschaft in den Blickpunkt rücken, also nicht nur die Frage pro und contra Königtum reflektieren. So tritt in den alten Erzählungen eine Gesellschaft aus dem Dunkel der Geschichte hervor, die die Geschlechterbeziehungen nicht-hierarchisch zu ordnen sucht, also den Zusammenhang von Gender, Sexualität und Macht anders als in patriarchalen Gesellschaften zu bestimmen versucht. Kennzeichnend ist dabei vor allen Dingen, dass Frauen und Männer jeweils eigene Handlungs- und Machtbereiche haben. Gleichheit in den Geschlechterbeziehungen egalitärer Gesellschaften bedeutet also nicht, dass Frauen das Gleiche tun (sollen) wie Männer. Eine interessante Beobachtung angesichts des bei uns geführten Gleichheitsdiskurses. Gewaltfrei freilich – auch das macht die Autorin allein schon durch die Auswahl der Texte deutlich – sind auch solche Gesellschaften nicht.

Renate Jost hat ein spannendes und anregendes Buch geschrieben, das die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Monographie zum Thema (ebenfalls bei Kohlhammer in der Reihe „Beiträge zur Wissenschaft vom Alten und Neuen Testament“ 2006 unter dem Titel „Gender, Sexualität und Macht in der Anthropologie des Richterbuches“ erschienen) für einen größeren Kreis von Leserinnen und Lesern erschließt. Ein Tipp für alle, die am Thema „Gender und Bibel“ interessiert sind.

 

Andreas Ruffing