Walter Hollstein, Was vom Manne übrig blieb. Krise und Zukunft des „starken“ Geschlechts. Aufbau Verlagsgruppe, Berlin 2008. ISBN 978-3-351-02659-2. 304 Seiten, € 19,95.

 

Schreibt da ein einsamer alter Wolf, dem der Kontakt zum Lebensfreude und Hoffnung spendenden Rudel abhandengekommen ist? Solche Gedanken überkommen mich beim Lesen. Larmoyant und leicht resigniert rekapituliert Walter Hollstein 30 Jahre Geschlechterkampf und Männerentwicklung. Unterm Strich bleibt ihm ein „Mainstreamfeminismus“, der in gesellschaftlichen „Männerhass“ umschlägt. Hollstein beklagt eine Kultur einseitiger Förderung von Frauen und Mädchen bei gleichzeitigem Negieren männlicher Problemlagen und Risiken. Das ist nicht immer neu, das ist manchmal sogar fast klischeebeladen.

Entmännlicht, schizophren, verweiblicht, vaterlos, vernachlässigt. Mit diesen psychologischen Kategorien beschreibt Walter Hollstein in verschiedenen Kreisgängen die Krise der heutigen Männer. Den „Hardcore-Feministinnen“ (S. 37) sei es gelungen, Öffentlichkeit und Politik so zu beeinflussen, dass vom Manne nichts mehr übrig blieb: keine Identität, zum Täter verkommen, ohne Vorbild, unsicher, teilweise lebensunfähig, asexuell, impotent, die neuen Verlierer in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt; und dabei als Vergewaltiger, Unterdrücker oder Trottel denunziert. Die Opfer der Männer (ihre Suizide, ihre kürzere Lebenserwartung, ihre Krankheiten und ihre erlittene Gewalt) würden ignoriert. Misandrie, „eine aggressiv feindselige und herabsetzende Haltung gegenüber Männern aufgrund ihres Geschlechts“ (S. 158), mache sich breit. Eine nennenswerte Männerbewegung sieht Hollstein nicht, außer der Böll-Stiftung und St. Arbogast kümmere sich niemand kontinuierlich um das Männerthema.

Es tut mir leid: Wer so um sich schlägt, verdient eine grobe Antwort. Was analytisch und mit viel Literatur daherkommt, vermischt leider viel zu sehr richtige Feststellungen und Diagnosen mit klischeehaften Bildern. Die LeserInnen erhalten dabei einen guten Einblick in 30 Jahre Männer- und Frauenliteratur. Deren Kenntnis ist Hollsteins Stärke. Dabei geraten ihm die aktuellen Debatten und die gesellschaftlich breiter werdende Akzeptanz vielfältiger, neuer Männlichkeiten, auch die neuen Bündnisse unter Männern und zwischen Frauen und Männern eher aus dem Blick. Die Wende der neueren Männerforschung zu einer intersektionellen Analyse der Verknüpfungen und Wechselwirkungen von Männlichkeiten mit Klasse, Milieu oder Ethnie rezipiert er nicht. Vieles wird geschlechterdualistisch, psychologisierend erklärt, wo eine multivariante soziologische Macht- und Konfliktanalyse angebracht wäre.

Zum Schluss bleibt ihm der Wunsch nach einem „Empathieschub für Jungen und Männer, der es überhaupt ermöglicht, sie endlich wahrzunehmen, wie sie wirklich sind“ (S. 278). Da ist er wieder, der einsame Wolf, der Wahrnehmung und Anerkennung sucht.

 

Dr. Hans Prömper