Wilms, Ehre, Männlichkeit und Kriminalität.

Yvonne Wilms, Ehre, Männlichkeit und Kriminalität (Kölner Schriften zur Kriminologie und Kriminalpolitik 14). Lit Verlag, Berlin 2009. ISBN 978-3-8258-1924-8. IV + 157 Seiten, € 19,90.


„Der folgende Beitrag geht der Frage nach, wie Ehr- und Männlichkeitsvorstellungen mit gewaltsamen Übergriffen in Zusammenhang stehen“ (S. 4). Die Autorin schrieb das Buch als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kriminologie der Universität Köln; deshalb verwundert es nicht, dass sie sich besonders auch mit den entsprechenden strafrechtlichen Bestimmungen (Ehrenschutz, Bewertung von „Verbrechen im Namen der Ehre“ etc.) befasst. Vor allem aber ergründet sie die Hintergründe des Zusammenhangs von Ehr- und Männlichkeitsvorstellungen und wie es dadurch zu Verbrechen kommt.

Eine ganz gute allgemeine Einführung in den Begriff und die Problematik der Ehre stellt der erste große Teil des Buches dar. Klar wird: Der Begriff Ehre ist nicht so einfach zu fassen, da er je nach Zeit und Kultur unterschiedlich verstanden wird. Als soziales Phänomen ist er aber stets in die Vorstellungen und Anforderungen einer sozialen Gruppe oder einer Kultur eingebunden: Man verliert seine Ehre, sein Ansehen, ja, seine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, wenn man sich nicht bestimmten Konventionen beugt. Ehre ist speziell mit Männlichkeit verknüpft, gilt vielfach als unverzichtbarer Bestandteil des Mannseins. Und wird deshalb auch mit Gewalt verteidigt.

Und damit sind wir beim zweiten großen Teil des Buches: „Ehre als kriminogener Faktor in unserer Gegenwartsgesellschaft“. Hier setzt sich Wilms mit den verschiedenen Formen „ehrbezogener männlicher Gewalt“ auseinander, von aggressivem Potenzgehabe über die Kontrolle von zur Familie gehörigen Frauen (deren Verhalten die eigene Ehre beschmutzen könnte) bis hin zu den vieldiskutierten „Ehrenmorden“. Mit ihrer Analyse der Hintergründe bricht sie landläufige Vorstellungen auf: Religion und Religiosität spielen nicht die entscheidende Rolle. Wichtiger ist die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv, das entsprechende Wertvorstellungen befördert und gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen vertritt – auch ungeachtet einer toleranten Mehrheitsgesellschaft. Solche männerzentrierten Kollektive findet man dann z. B. in bestimmten Migrantenkreisen, aber auch in „deutschen“ Jugendgruppen wie gewaltsamen Fußballfans oder unter Rechtsextremen. Der Rückgriff auf eine „Mannesehre“ lässt sich also gerade auch als ein Hilfeschrei nach Halt und Anerkennung bei marginalisierten, gesellschaftlich nicht integrierten Jungen- und Männerkreisen erklären. Wilms blickt hier nicht nur auf die „Machtseite“ von Männlichkeit, sondern – unter Rückgriff auf die moderne Männerforschung – auch auf die „Ohnmachtseite“ (S. 125 ff.): als Kind erfahrene häusliche Gewalt, die Überforderung durch die Ansprüche traditioneller Männlichkeitsbilder, soziale Defizite und die schlechte ökonomische Lager vieler Männer.

Fazit: Wilms trägt mit ihrem Buch zu einem tieferen Verständnis der Ehrproblematik in unserer Gesellschaft bei, indem sie den Blick weitet: nicht nur türkische Migranten, sondern auch deutsche Hooligans; nicht nur die Opfer unter den Frauen, sondern auch die Not der Täter. Eine gelungene Einführung in eine Thematik, die speziell Männer betrifft.


Martin Hochholzer

 

 

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