Doris Bischof-Köhler, Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede. Stuttgart – Berlin – Köln: Kohlhammer 2002. ISBN 3-17-016749-9. 430 Seiten, € 27,-.

 

Im mittlerweile unübersichtlichen Markt der Ratgeber-Literatur haben Bücher nach dem Muster des Bestsellers „Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können“ Konjunktur. Zu verlockend ist es offenbar, wahrnehmbare Unterschiede zwischen Frauen und Männern dann doch letztlich auf biologische Ursachen, auf die sprichwörtlichen „Anlagen“, zurückzuführen. Der flotte Schreibstil dieser Bücher kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es mit der Seriosität der Autoren und ihrer Gewährsleute doch oftmals nicht immer zum Besten bestellt ist.

Da stellt das vorliegende Buch der renommierten Münchner Entwicklungspsychologin Doris Bischof-Köhler ein anderes Format dar. Wer solide Informationen zum Thema aus evolutionsbiologischer und entwicklungspsychologischer Perspektive sucht, der sollte zu diesem Buch greifen, das allerdings eine aufmerksame Lektüre verlangt und auch verdient. Zentrales Anliegen der Autorin ist es, „die Missverständnisse aufzuklären, die zu der hartnäckigen Fehleinschätzung biologischer Faktoren [in den Sozialwissenschaften; A. R.] führen“ (S. 31), um auf diese Weise den interdisziplinären Dialog zwischen Biologie, Entwicklungspsychologie und Sozialwissenschaften zur Frage der Geschlechtsrollen und -unterschiede anzuregen. So macht Bischof-Köhler z. B. in Abwehr entsprechender Klischees und Vorurteile darauf aufmerksam, dass natürliche Dispositionen appellativer Art sind, die bestimmte Verhaltensweisen näher legen als andere, aber eben nicht festlegen. Und sie stellt daher fest: „Die Natur legt uns nicht in dem Sinne fest, dass wir uns nur in einer bestimmten Weise und nicht anders verhalten könnten. Wir sind als Menschen prinzipiell frei, unsere Handlungen zu planen und zwischen Alternativen zu entscheiden“ (S. 27).

Das Buch enthält drei große Teile. Im ersten Teil (S. 33–103) stellt Bischof-Köhler verschiedene geschlechtsrollenbezogene Sozialisationstheorien vor, diskutiert ihre Beweiskraft, um letztendlich zu dem Schluss zu gelangen, dass in der Frage der Ausbildung der Geschlechterunterschiede es nicht ausreicht, allein nur soziokulturelle Faktoren zu berücksichtigen. So trägt sie im zweiten Teil (S. 105–231) ausführlich Erklärungen für die Ausbildung geschlechtstypischen Verhaltens aus (evolutions-)biologischer Sicht zusammen, um dann schließlich im dritten Teil (S. 233–367) darzustellen, wie soziokulturelle und biologische Faktoren, Anlage und Umwelt, Natur und Kultur bei der Ausbildung von Geschlechtsunterschieden in bestimmten Bereichen interagieren. Ein ausführlicher Schlussteil (S. 369–399) rekapituliert nochmals unter Berücksichtigung möglicher Einwände die wesentlichen Argumentationslinien des Buches und zieht eine knappe Bilanz mit Blick auf die aktuelle gesellschaftliche Geschlechterdebatte. Ein ausführliches Literaturverzeichnis, ein Personen- und Sachregister schließen den umfangreichen Band ab, der auf Vorlesungen beruht, die die Autorin seit Mitte der 80er Jahre gehalten hat, wie sie eingangs bemerkt.

Gerade Leserinnen und Leser, denen (wie mir) sozialwissenschaftliche Argumentationsmuster vertrauter sind als (evolutions-)biologische, ist dieses Buch nachdrücklich zu empfehlen. Es verhilft nämlich dazu, besser zu verstehen, was Biologie in heutiger Sicht bedeutet und welchen Beitrag sie jenseits eines kruden Biologismus, wie er gerade in den eingangs erwähnten Büchern zuweilen heftig zum Tragen kommt, im Zusammenspiel mit sozialwissenschaftlicher Forschung zur Erklärung der Geschlechtsunterschiede leisten kann.

 

Andreas Ruffing