Nina Baur / Jens Luedtke (Hrsg.), Die soziale Konstruktion von Männlichkeit. Hegemoniale und marginalisierte Männlichkeiten in Deutschland. Verlag Barbara Budrich, Opladen & Farmington Hills 2008. ISBN 978-3-86649-110-6. 290 Seiten, € 24,90.

 

Der Sammelband – mit Beiträgen von fünf Männern und acht Frauen – hält, was der Titel verspricht: Er ist ein Streifzug durch die Vielfalt an Männlichkeiten im deutschsprachigen Raum; immer wieder trifft man auf das Modell der „hegemonialen Männlichkeit“ von Connell, das zum Ausgangspunkt der soziologischen Betrachtung auch von Männergruppen wird, die sonst wenig in den Blick kommen. Dabei zeigt sich aber auch: Es besteht noch viel Forschungsbedarf. Etliche der Aufsätze basieren lediglich auf einer Handvoll qualitativer Interviews.

Nach einer Einführung, in der die Herausgeber die Vielzahl hegemonialer Männlichkeiten (S. 10 f.) betonen, beschäftigen sich drei Aufsätze mehr grundsätzlich mit Männlichkeit als sozialer Konstruktion. Michael Meuser etwa betrachtet das Wettbewerbsverhalten v. a. zwischen jungen Männern nicht nur als „ein zentrales Mittel männlicher Sozialisation“, sondern auch als „ein Mittel männlicher Vergemeinschaftung“ (S. 34). Katrin Huxel macht anhand von Interviews mit zwei Migranten deutlich, wie die aus dem Herkunftsland mitgebrachte habituelle Sicherheit des Mannseins durch die Auseinandersetzung mit der deutschen Kultur in Frage gestellt und das Geschlecht ethnisiert wird.

„Männer zwischen Beruf um Familie“ sind die nächsten vier Beiträge überschrieben. Interessant ist die Gegenüberstellung von westdeutschen und ostdeutschen Männern in den ersten zwei Aufsätzen. Während das Modell des Vollzeit arbeitenden Familienernährers für die westdeutschen Männer trotz aller Krisen (Massenarbeitslosigkeit etc.) nach wie vor alternativlos ist, stellt sich die Situation in den neuen Bundesländern differenzierter dar: Zwar schlägt sich das Normalmodell der Doppelverdienerehe auch in einer höheren Bereitschaft der Ostmänner, sich bei der Familienarbeit zu beteiligen, nieder; doch erzählen sie in den Interviews mit den Forschern erstaunlicherweise fast nur von Kollegen und blenden die Kolleginnen weitgehend aus – hier sind bei aller Gleichberechtigung noch altbekannte Männlichkeitsbilder im Spiel. Und erst recht wird die eigene Männlichkeit bei Männern in Frage gestellt, die Teilzeit arbeiten oder sich als neue Väter verstehen (wollen), wie zwei weitere Aufsätze beleuchten.

Die letzten sechs Untersuchungen widmen sich unterschiedlichen Subgruppen und greifen dabei durchaus auch „heiße Eisen“ auf. Etwa Paul Scheibelhofer, der zu „Ehre und Männlichkeit bei jungen türkischen Migranten“ schreibt und zum Schluss kommt, dass die pauschalen Vorwürfe in der öffentlichen Debatte weder zutreffend noch hilfreich sind. Die anderen Beiträge befassen sich mit Gewalt und Männlichkeit bei Schülern und bei inhaftierten Jugendlichen, dem Männerbild bei Lesben und Schwulen, der männlichen Körperkultur bei Skinheads und mit Männern, die Prostituierte besuchen.

Insgesamt also eine bunte Mischung und eine Fülle von Einblicken. Das alles auf wissenschaftlichem Niveau, aber doch weitestgehend auch für Nichtsoziologen verständlich. Fazit: Die Frage danach, was Männlichkeit ausmacht, bleibt eine spannende Frage – und es gibt keine einheitliche Antwort.

 

Martin Hochholzer