Gerhard Amendt, Scheidungsväter (Schriftenreihe des Instituts für Geschlechter- und Generationenforschung 6). [Bremen] 2004. ISBN 3-88722-570-8. 238 Seiten, € 21,50.

 

„Über die Erfahrungen von Scheidungsvätern wissen wir nur wenig – und das wenige, das wir zu wissen glauben, ist nicht selten von Vorurteilen geprägt.“ (S. 7). So beginnt Gerhardt Amendt sein Buch. Es stellt die erste Auswertung einer Studie zu Scheidungsvätern dar, an der sich mehr als 3600 Männer beteiligten.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Der erste und bei weitem umfangreichste handelt davon, „wie Männer über ihre Scheidung sprechen“. Fünfzehn Einzelschicksale stellen exemplarisch dar, wie verschieden Männer die Scheidung und das Ringen um die Kinder erleben können. Dabei wird deutlich: Männer erfahren sich oft als Opfer. Die juristischen Auseinandersetzungen um das Sorge- oder zumindest um das Besuchsrecht ziehen sich häufig jahrelang hin. Dabei haben die Frauen die besseren Karten bei Sozialarbeitern, Psychologen und Richtern; wenn nötig, wird auch auf Tricks und schmutzige Vorwürfe (Missbrauch der Kinder …) zurückgegriffen. Die Gefühle kochen hoch, die psychische Belastung ist gewaltig. Viele Männer geben irgendwann den Kampf um ihre Kinder auf – obwohl er sich für den Vater durchaus lohnen kann.

Erst im zweiten Teil – „Wie Väter die Zeit mit ihren Kindern verbringen“ – bietet Amendt auch einige wenige statistische Daten: Z. B. beschreiben sich 45 % der Teilnehmer der Studie als „Wochenendpapa“, etwa ebenso viele berichten davon, dass die Expartnerin den Umgang der Kinder mit dem Vater boykottiert. Eine Mehrheit bleibt nach einem Zusammensein mit den Kindern in bedrückter Stimmung zurück.

Viele Scheidungsväter wehren sich dagegen, ein „Sugardaddy“ zu sein, der die Kinder außerhalb des Alltags (der der Mutter überlassen wird) nur zu den Sonnenseiten des Lebens abholt. Etliche versuchen, mit den Kindern die Normalität vor der Scheidung möglichst aufrechtzuerhalten. Allerdings gibt es auch die, die in die Rolle des „Sugardaddys“ schlüpfen. Insgesamt kann man sagen: „Von der Vorstellung eines ‚typisch männlichen‘ Verhaltens in Scheidungen und beim Gestalten der Beziehung zu den Kindern müssen wir uns deshalb verabschieden.“ (S. 166).

Der dritte Teil schließlich widmet sich den Vätern, die ihre Vaterrolle aufgegeben haben und keinen Kontakt mehr mit ihren Kindern haben. Meist geschieht das nach langwierigen Kämpfen mit der Exfrau. Die Ursachen für den endgültigen Kontaktabbruch sind vielfältig: Manche wollten dem Kind ersparen, weiter im Konflikt zwischen Vater und Mutter leben zu müssen; gelegentlich brechen die Kinder von sich aus die Beziehung ab; auch eine Trotzhaltung der Väter kann eine Rolle spielen.

Abschließend wendet sich Amendt gegen die „Mär von den glücklichen Scheidungskindern“. Scheidung ist – das wird in dem Buch deutlich – ein Geschehen voller Aggressionen und Konflikte, das die Lebensumstände der Beteiligten (auch in finanzieller und sozialer Hinsicht) völlig umkrempelt. Die Kinder sind dabei die Hauptleidtragenden.

Das Buch ist allgemeinverständlich formuliert und gut lesbar. Ein erzählender Stil herrscht vor, bereichert durch die ausführliche Widergabe von Zitaten aus Teilnehmerinterviews. Amendt verschweigt auch nicht, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Studie von den Schicksalen bewegen und ihre eigenen Einstellungen und Vorstellungen hinterfragen ließen. So bleibt auch das Buch nicht nüchtern-distanziert, sondern versucht das Erfahrene zu verstehen und zu deuten. Allerdings frage ich mich, ob die Grenze zwischen Bericht und Deutung nicht an einigen Stellen zu unscharf ist.

Die Studie, auf der das Buch basiert, ist nicht repräsentativ, und man könnte ihr vorwerfen, dass nur Männer zu Wort kommen. Doch weist Amendt in der Einleitung zu Recht darauf hin, dass die Erfahrungen, die die Teilnehmer schilderten, trotz aller Subjektivität als deren Erfahrungen ernst zu nehmen sind. Das gesammelte Material bietet genügend Einblicke, die geeignet sind, einen neuen Blick auf Scheidungsväter jenseits gängiger Klischees zu erlauben – und damit ist das wesentliche Anliegen und Ziel der Studie erreicht.

 

Martin Hochholzer