Zykunov, Wir sind doch alle längst gleichberechtigt

Alexandra Zykunov, Wir sind doch alle längst gleichberechtigt, 25 Bullshitsätze und wie wir sie endlich zerlegen, Ullstein, Berlin 2022

Es geht in dem Buch von Alexandra Zykunov, einer Redaktionsleiterin des Magazins Brigitte BE Green, um Verhaltensmuster von Männern und Frauen, um „typische“ Rollenbilder und um die Erwartungshaltung der Gesellschaft an Frauen und Männer. Hauptpunkt in dem Buch ist die Verteilung von Care Arbeit sowie Unterschiede bei der Bezahlung und im beruflichen Alltag. Die Hauptthese dabei ist, dass Frauen sich das nicht mal eben ausgesucht haben, das Patriarchat hat ein System der Unterdrückung geschaffen.

Beispielsätze, die die Autorin hinterfragt und widerlegen möchte: hast du ein Glück, dass dein Mann zu Hause so viel mithilft, er arbeitet voll, sie nur Teilzeit – ist doch klar, dass sie zu Hause mehr übernimmt, Frauen wollen doch die Verantwortung zu Hause gar nicht abgeben, Frauen wollen doch gar nicht Karriere machen, mein Mann würde so gerne Elternzeit nehmen, aber bei ihm geht das leider nicht

Wenn Männer im Alltag mithelfen, ist schon der Begriff falsch gewählt. Es sind seine Kinder, sein Haushalt, sein Alltag (er ist kein Gast in diesem Alltag). Sprache schafft Realitäten. Es gibt keine andere Person. Das Bild des Care Arbeitenden Mannes muss sich etablieren, wenn sich die Sprache und die Bilder, die wir an die Kinder weitergeben, nicht ändern. Dazu kommt Mental Load (Mitdenken, Planen, Organisieren des Alltags und Freizeitkalenders). Das Gefährliche an „das Patriarchat gibt es gar nicht“ Erzählung ist: Das etwas, was es nicht gibt, nicht benannt, nicht angegriffen und auch nicht bekämpft werden kann. Männer arbeiten heute mehr als früher in der Familie, nur ist das in der täglichen Zeit, die sie täglich dafür aufbringen, nicht angekommen.

Warum wird Hausarbeit nicht als das anerkannt was es ist, nämlich Arbeit. Damit das Patriarchat bleibt, müssen die unbezahlten Aufgabenbereiche unsichtbar bleiben. Pflege, Erziehung und Care Arbeit haben keinen Wert, man kann Pflege nicht skalieren.

Die Liebe zum Sich-ums-Kind kümmern und gleichzeitig eine faire Bezahlung dafür zu bekommen, schließen sich nicht gegenseitig aus.

Unser Wirtschaftssystem funktioniert nicht ohne Care Arbeit, diese bequemen Verhältnisse sollen natürlich erhalten werden. Somit ist es am besten, wenn das System und die zugehörigen Rollenbilder erhalten bleiben. Wir sind insbesondere im Westen mit der Vorstellung großgeworden, dass sich insbesondere die Mutter um die Kinder kümmert. Was wir und unsere Kinder sehen, schafft Realitäten. Und was wir nicht sehen, ist auch nicht „normal“. Untersuchungen haben gezeigt, dass befragte junge Frauen davon ausgehen, später für Familie im Beruf kürzer zu treten. Es fehlt an „neuen“ Vätern in der breiten Masse, die sich durch alle Gesellschaftsschichten selbstverständlich drei Tage pro Woche nachmittags auf Spielplätzen treffen.

Es liegt also an Müttern in festen Partnerschaften, mit deutschem Namen und weißer Hautfarbe, an Müttern in Partnerschaften auf Augenhöhe, voranzugehen, einfach weil sie es am besten können.

Wenn Care Arbeit unsichtbar gemacht wird, heißt das: Wer keine „echte“ Arbeit macht, hat auch keinen „echten“ Lohnanspruch.

Mütter sind keine notorisch perfektionistischen, dauerputzende Besserwissende, und Väter keine hinterhältigen faule Wickelidioten. Ganz viel ist Sozialisation. Viele Väter geben auch heute noch an, selber keine Väter erlebt zu haben, die Care Arbeit vorgelebt haben.

Väter spüren an der Stelle Haushalt keinen Druck, ihre Daseinsberechtigung wird weder am Ideal des guten Hausmanns noch des guten Vaters gemessen. Der verinnerlichte Druck für Frauen, immer besser oder ordentlicher zu werden, ist Bestandteil der gesellschaftlichen Konstruktion von Weiblichkeit. Daher sind auch Probleme der pausenlosen Zuständigkeit und der finanziellen Abhängigkeit nicht nur im Privaten zu lösen. Sondern in Zusammenarbeit mit Politik und Wirtschaft, mit neuen Rollenbildern in Werbung und Büchern, mit neuen Arbeitswochenmodellen, mit finanziellen Auffangnetzen für Familien, mit Väteranreizen für mehr Care Arbeit, mit der Aufwertung von Care Arbeit und anderen Maßnahmen. Teilzeit für Frauen und Vollzeit für Männer ist kein Naturgesetz. Care Arbeit muss als gleichwertige Arbeit angesehen werden. Teilzeit für Eltern bei vollem Lohnausgleich, radikale Steuerentlastungen für Eltern oder in Form von Rentenpunkten für Eltern. Nach meiner Meinung müsste das dann auch für Care Arbeit in der Pflege der eigenen Eltern etc. gelten.

Verhalten sich Frauen in Verhandlungen wie Männer (fordernd und aggressiv), werden sie unterbewusst abgestraft, weil sie sich nicht wie eine Frau verhalten. Frauen werden oft aufgrund ihrer Leistungen bewertet, Männer werden aufgrund ihres Potentials eingestuft. Oft werden Frauen wegen der Kinder nicht zu Gesprächen eingeladen. Frauen sollten eine bessere Bezahlung einfordern, wenn das Ergebnis enttäuschend ist, hat das oft nicht nur mit der Frau zu tun, sondern weil sie eine ist.

Was sind nun die Forderungen der Autorin? Aufwertung von Frauenberufen, Vollzeit Modelle (wenn Kinder klein sind, Teilzeit arbeiten, aber Vollzeit verdienen). Ausbau von Kitas und Ganztagsschulen. Väter müssen mehr Elternzeit nehmen, weil sich dann zwangsläufig die Frage nach der Betreuung stellt. Dann würden Unternehmen begreifen, dass sie sich familienfreundlicher aufstellen müssen. Natürlich spricht die Autorin die privilegierten Eltern an, die es sich zur Not auch leisten können, ihren Job zur Not auch aufzugeben, um ein Zeichen setzen zu können. Oft fallen aber Paare, die sich dieses leisten können, in traditionelle Rollenbilder zurück.

Gleichberechtigung bedeutet, dass alle Geschlechter die freie Wahl haben sollte, ihre Vereinbarkeits- und Jobmodelle so zu konstruieren und auszuleben, wie sie es wirklich wollen.

Männer können sich nicht auf ihre Sozialisation ausruhen. Weil Männer von dieser Sozialisation und diesem System profitieren. Daher haben sie die Verantwortung, einmal in die kritische Selbstanalyse zu gehen und zu hinterfragen, ob sie es nicht sehr bequem haben und viele sich hinter dem Argument „Ich würde ja gerne, aber bei mir geht es leider nicht“ Argument verstecken. 

Das Buch kommt kurzweilig daher, die Autorin reißt Sprüche, formuliert zugespitzt und polemisch. Treffend und politisch, absolut lesenswert!

Jürgen Döllmann

Stichworte: Care, Männer Heute, Männlichkeit

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