Smiler, Ist Männlichkeit toxisch?

Andrew Smiler, Ist Männlichkeit toxisch?, Dorling Kindersley Verlag, München, 2020

Das Buch des Psychotherapeuten und Autors Andrew Smiler beschäftigt sich mit unterschiedlichen Vorstellungen von Männlichkeit, und das in einem besonderen Buchaufbau. Zunächst geht es um die Entwicklung des Männlichkeitsbegriffs, um Eigenschaften, Verhaltensweisen und Rollen in der Geschichte. Insbesondere das Verständnis von Männlichkeit seit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts mit ihrer Abwesenheit durch die Arbeit wird thematisiert.
Das Kapitel „Männer und zwischenmenschliche Beziehungen“ will den Zusammenhang von männlichen Eigenschaften und menschlichen Beziehungen beschreiben. Das Ideal der Unabhängigkeit bei Männern bewirkt, dass Männer versuchen, ohne Unterstützung auszukommen und das Ideal der Unverletzlichkeit erschwert, über Empfindungen und Gefühle zu sprechen. Oft wird dies Verhalten schon in der Kindheit geprägt. Fehlende Erfahrung können zu weniger Lösungsstrategien bei Problemen in der Partnerschaft führen. Wenn dann noch eine Machtorientierung dazu kommt, kann es zu körperlicher Gewalt kommen (auch in Beziehungen).
„Männlichkeiten im Umbruch“ beschreibt verschiedene Mann Modelle und zukünftige Veränderungen. Daneben werden Beispiele aus unterschiedlichen Ländern gebracht: Men´s Sheds in GB und Australien ist eine Organisation, die auf männliche, oft handwerkliche Interesse setzt, um Männer gezielt anzusprechen und Freundschaften zu fördern. Promundo (USA, Brasilien) setzt sich für Gender Gleichberechtigung und Gewaltfreiheit ein.

Auf die im Titel gestellt Frage „Ist Männlichkeit toxisch?“ gibt das Buch keine eindeutige Antwort, weil nicht alle Männer sich der Manbox ( Männerbild mit Vorgaben wie strebe nach Erfolg und hohes Ansehen oder sei eine standfeste Eiche) unterordnen. Starrheit im eigenen Männlichkeitsbild geht auf Kosten der Flexibilität, sich ändernden Situationen und dem gesellschaftlichen Wandel anzupassen. Wir alle können aber den gesellschaftlichen Wandel gestalten.

Was ist das Besondere an dem Buch? Das Buch aus der Reihe #dkkontrovers arbeitet mit unterschiedlichen Schriftgrößen, die die Relevanz der einzelnen Absätze anzeigen und ein schnelles Überfliegen des Buches ermöglichen. Die Abbildungen sollen veranschaulichen, bieten aber oft auch Denkanstöße. Das macht das Buch für mich interessant. Überall, wo ich bisher das Buch herumliegen hatte, wurde es gerne in die Hand genommen. Aufbereitet sind die Informationen wie in einem Lexikon. Fakten und Thesen werden mit über 200 Fotos ergänzt. Daneben gibt es unterschiedliche Schriftgrößen. Die wichtigsten Aussagen springen einem sofort in den Blick, Hintergründiges ist etwas kleiner gedruckt. Wichtige Begriffe werden in einer Randspalte erklärt. Damit greift es Lesegewohnheiten vor allem junger Leser auf. Aber auch auf mich bewirkte die Aufmachung, zu blättern, an bestimmten Stellen genauer zu lesen und den Text in Verbindung mit den Bildern zu bringen

Fazit: Neue Männlichkeitsbilder werden sich entwickeln, wenn wir unsere Verhaltensweisen und Rollen weiter durchdenken. Vor allem der negative Einfluss von Konkurrenzdenken und Aggression wird zu beleuchten sein, um weniger schädliche Formen der Männlichkeit zu finden. Das mag für den Einen oder Anderen banal klingen, aber vielleicht müssen wir einfach Alle bei uns selber anfangen.
Die Beispiele in dem Buch stammen in fast allen Fällen aus den USA oder Großbritannien. Das mag man einerseits bedauern. Es hat mir aber den Blick in die Debatten in anderen Ländern geweitet. Ein Buch, dass Themen anreißt, ohne sie wissenschaftlich zu untersuchen. Aber insbesondere für junge Leute und als Diskussionsanlass bietet das ungewöhnliche Format Anreize, sich mit dem Thema Männlichkeit auseinander zu setzen.

Jürgen Döllmann

 

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