Douglas Rushkoff, Survival of the Richest. Warum wir vor den Tech-Milliardären noch nicht mal auf dem Mars sicher sind, Berlin 2025.
Am Ende eines eindrucksvollen Podcasts (Sternstunde Philosophie, SRF-Kultur vom 28.06.2025) entwirft Douglas Rushkoff die faszinierende wie einfache Vision als Konsequenz aus seiner Analyse der derzeitigen Diskussion um die Zusammenhänge zwischen Künstlicher Intelligenz und den Hegemoniebestrebungen einiger Tech-Milliardäre und Staatslenker: Man müsse wieder lernen, vor die Haustür zu treten und „analoge“ Kontakte zu Nachbarn, im Supermarkt und in Vereinen zu knüpfen. Den direkten Kontakt mit Menschen zu spüren, den Lebensrhythmus und die wertvolle Energie des physischen Lebens, darauf komme es wirklich an. Denn wir seien Teile der natürlichen Evolution und müssten begreifen, dass wir ein Teil in ihr sind, und uns davon abheben zu wollen, eine Illusion sei. Weil – wir am Ende alle sterben werden.
Seine Analyse der derzeitigen Lage um die zunehmende Digitalisierung aller Lebensbereiche führt er auch im kürzlich erschienenen Buch aus. Rushkoff gehört zu den Pionieren des Internets und hat selbst seine Sozialisation im Silicon Valley erhalten. Er ist eine wichtige Stimme in der Philosophie des Internets geworden. Seine Analysen werden von allen Seiten sehr ernst genommen.
Eine der wichtigsten Thesen Rushkoffs in seinem Buch ist, dass die Tech-Milliardäre vor allem nach ihrem enormen Reichtum streben, weil sie selbst keine Zukunft auf dem diesem Planeten sehen. Die Vorstufe zur Flucht auf dem Mars bestehe bei manchen darin, irgendwo auf der Erde einen sicheren Ort vor denjenigen Auswirkungen ihres Gewinnstrebens zu finden, die sie selbst zu einem erheblichen Maße mitverursacht haben. Diese überreichen Männer wollen sich abschotten, den gemeinen Pöbel, der sie letztendlich durch seine Unterwerfung unter das System des radikalen Kapitalismus erst reich gemacht hat, außen vor lassen. Rushkoff führt allerdings die Fantasien der Überreichen ad absurdum, indem er aufzeigt, dass die genialen Geschäftemacher mit dem Mindset des Silicon Valley auch nicht der Tatsache entkommen, dass sie letztendlich doch abhängig bleiben von Menschen, zumindest wenn sie sie physisch brauchen, damit diese zum Beispiel ihre Abschottung und ihren Reichtum bewachen. Deshalb, so Rushkoff, hofften Elon Musk und Co auf die Flucht zum Mars, denn dort kämen nur Menschen mit sehr großem Reichtum hin, die vermeintliche Elite der Menschheit. Die kaputte Erde, die sie mit dieser Hybris des Abgehobenseins hinter sich lassen wollen, bliebe dann den Menschen überlassen, die nicht „abheben“ können.

„Meta gehen“ (S. 117), nennt Rushkoff dieses Mindset. Auf eine höhere Ebene wollen sich diese sehr reich gewordenen Menschen mit der Prägung der radikalen digitalen Moderne begeben, egal auf welchem Gebiet. Bevor sie Meta auf den Mars gehen, wollen sie aber noch durch Technologie die Welt „verbessern“, so als ob diese in ihrer natürlichen Daseinsweise nicht schon gut genug wäre. Besser ist in der Logik diese Mind-Sets aber nur das, was diese Milliardäre nutzen können, um abzuheben.
Meta gehen, dies fokussiert Rushkoff leider nur am Rande, ist vor allem eines: eine klassische Männerfantasie, zumindest wenn man diejenige klischeehafte Männlichkeit zugrunde legt, die fast alle Tech-Milliardäre verkörpern. Auffällig ist zumindest, dass alle namhaften Tech-Milliardäre Männer sind. Diese Art von Männlichkeit zu dekonstruieren, sie ihrer Hohlheit und Primitivität zu überführen, wäre zumindest ein eigenes Kapitel im Buch wert gewesen. Aber dann wäre es ein eigenes Buch geworden, das wohl dann doch noch geschrieben werden muss.
Die Entlarvung eines angeblichen altruistischen Weltverbesserungsbestrebens als eine riesengroße Ego-Show einiger Weniger, die ausschließlich sich selbst im Kopf haben, ist das riesengroße Verdienst dieses absolut spannenden, lesenswerten Buches. Jede Gelegenheit, wo einer der großen Reichen der Tech-Branche ins Licht der Öffentlichkeit tritt, wie zum Beispiel bei einer obszön prunkhaften Hochzeit in Venedig oder einem touristischen Ausflug in eine niedrige Umlaufbahn um die Erde erinnert den Leser an dieses Buch und seine instruktiven Analysen. Weil die Denkweise des Mindsets dieser Männer verständlicher wird, darf spätestens nach der Lektüre guten Gewissens ihnen gegenüber großes Misstrauen entgegengebracht werden. Der „Glaube“ an die vermeintliche Allwissenheit dieser Männer wird jedenfalls durch dieses Buch gründlich in Frage gestellt.
Apropos Glaube: Klassisch gottgläubige Menschen binden sich ja nicht an eine Utopie, einschließlich dem merkwürdig transhumanen Geschwafel. Die Bibel nennt solche Menschen „falsche Propheten“ (Mt 7,15-16), wenn diese sich gebären wie „Wölfe im Schafspelz“. Spirituelle Menschen binden sich an die göttliche Kraft, die „ins Weite hinausführt“ (Psalm 18,20) und die sie motiviert, das Geschaffene zu erhalten und die Schönheit und Klugheit dieser Erde zu achten, zu fördern und zu ehren.
Dr. Andreas Heek, Leiter der Arbeitsstelle Männerseelsorge und Männerarbeit in den Deutschen Diözesen.
Stichwort: Männer heute

