Pettinger, Schwul unterm Hakenkreuz

Jürgen Pettinger, Schwul unterm Hakenkreuz, Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2021

Franz Doms wurde wie viele andere zur Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, inhaftiert und zum Tode verurteilt. Er wurde 1944 im Landgericht Wien hingerichtet. Informationen aus Vernehmungsprotokollen und andere Dokumente werden zu einer bemerkenswerten Darstellung, die einen sofort zu fesseln weiß, zusammengefasst. Um die wenigen biografischen Angaben herum beschreibt der Autor in einer romanhaften Form das kurze Leben des Franz Doms im Wien der 30er und 40 er Jahre des 20. Jahrhunderts.

Die Nationalsozialisten hatten gleich zu Beginn ihrer Herrschaft die Verfolgung von Homosexualität intensiviert. Sie gelten als hemmungslose Sexualstraftäter. In dem Buch behauptet Franz Doms zunächst in seinen Vernehmungen, weder homosexuell veranlagt zu sein. Gleichzeitig wird seine innere Zerrissenheit in dem Satz „Genau das, wovor seine Schwester ihn so oft gewarnt hate, war jetzt passiert. Was hatte er getan?“ deutlich. Außerdem stellt er erst in einem Gespräch mit seinem Freund und Partner (Kurt) mit Erleichterung fest, dass er nicht mehr allen ist mit seinen Erfahrungen und Gefühlen.

Ihm wurde bewusst, wie sehr er sich in seinem Leben ständig selbst kontrollieren musste, um nur ja nicht aus der Rolle zu fallen. Im frühesten Kindesalter hatte er schon gespürt, dass er anders war. Jetzt, mit seinen 18 Jahren, hatte er erstmals entdeckt, dass es in seiner Zukunft für ihn einen Weg gab. Er will sich treu bleiben und sich nicht unterkriegen lassen.

Er wird dann auch in seiner Anklageschrift als gefährlicher Gewohnheitsverbrecher wegen widernatürlicher Unzucht mit 18 Männern, wegen Diebstahls und Erpressung zum Tode verurteilt.

Der Bericht zeigt die Zerstörung der Privatheit von Männern, es beschreibt das Bespitzeln und Denunzieren, die Stimmung in der Gesellschaft aus Angst und Erpressung. Die Intimsphäre des Einzelnen wird in die Öffentlichkeit gezerrt.

Der Autor taucht mit uns tief in die persönliche Welt des Franz Doms und seiner Zeit ein. Er zeichnet seine letzten Lebensjahre nach, wodurch sein tragisches Schicksal, das exemplarisch für systematische Verfolgung Vieler steht, nah und spürbar wird. Gleichzeitig hat mich auch die Reaktionen der Familie, insbesondere der Schwester, berührt. Und ich frage mich auch, was neben dem Erinnern an dieses dunkle Kapitel der Geschichte und an Personen zu tun bleibt. Einerseits die Frage nach dem gesellschaftlichen Umgang in der heutigen Zeit mit bestimmten Gruppen und die Frage nach Handlungsoptionen, damit sich so etwas nicht wiederholt!
Ein sehr Nachdenkens wertes und Betroffen machendes Buch.

 

Jürgen Döllmann

 

 

Stichworte: LSBTI

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