Kügler, Joachim, Sexualität Macht Religion

Kügler, Joachim, Sexualität Macht Religion. Zeitreisen ins Bermuda-Dreieck menschlicher Existenz, Würzburg (echter) 2021

 

Joachim Kügler hat ein Buch zur Stunde („Machtmissbrauch in der Kirche“) und gleichzeitig einen wertvollen Beitrag zur Analyse dysfunktionaler Männlichkeitskonstruktionen („Toxische Männlichkeit“) geschrieben. Als biblischer Theologe (Uni Bamberg) hat er Tiefbohrungen in die antike Welt mit Hilfe eines einfachen, aber aufschlussreichen hermeneutischen Schlüssels vorgenommen: Er unterscheidet in seiner Definition von Geschlecht zwischen einem „persönlichen Körper, in dem wir leben“, das aber nicht auf die „Biologie“ allein reduziert ist, sondern auch schon als geistiges Konzept, individuell und gesellschaftlich konstruiert, beschrieben wird, – und einem öffentlichen Körper, der definiert wird durch die Rolle, „die wir in einer Gesellschaft spielen (wollen und/oder müssen).“

Und dann beginnt eine „Zeitreise“ – ein pfiffiger Kniff, um den*die Leser*in mitzunehmen – in der Zeitmaschine SE-(xualität)MA-(cht)RE-(ligion). Angefangen von der Königstochter Hatschepsut aus dem 15. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung über die Josefs-Geschichte im Alten Testament bis hin zu Paulus versetzt und der Autor den*die Leser*in in die antike Gesellschaftsordnung, in der männliche Sexualität der Dreh- und Angelpunkt ist. Und zwar Männersexualität nicht als Mittel der liebenden Beziehungsgestaltung, wie dies erst vom Zeitalter der Romantik an immer größeres Gewicht bekommen hat. Männliche Sexualität sei in der Antike Mittel der Unterwerfung und deren Symbol gewesen. Mit ihr wären Machtverhältnisse geschaffen oder gefestigt worden. Wer penetriere, sei ein (richtiger) Mann, wer penetriert werde, sei eine Frau oder werde zur Frau gemacht, wenn der Penetrierte ein Mann ist. Umgekehrt: wer als Frau in der antiken Welt reüssieren wollte, musste zum Mann werden und seinen öffentlichen Körper vermännlichen, wenn der persönliche eine Frau war. Hier bekommt die eingangs beschriebene Unterscheidung von zwei Körper-Performanzen ihre Plausibilität. Das ist dann auch der Kerngedanke des Buches: sehr spannend u.a. für den gegenwärtigen Umgang mit Männlichkeiten in der Kirche!

Besonders interessant wird es, um ein Beispiel hervorzuheben, wenn Kügler Jesus in den Blick nimmt. Am Kreuz finde eine Verweiblichung Jesu statt, so Küglers These, weil er seiner männlichen Selbstbestimmung beraubt würde und der Passivität männlicher Gewaltausübung ausgesetzt sei. Seine Auferstehung mache ihn dann wieder zum Mann, sogar zu einem „Super-Mann“, denn der Sieg über den Tod sei mehr, als man von einem „normalen“ Mann erwarten könne. Jesus nimmt also in dieser Betrachtungsweise eine „Reise durch die Geschlechter“ vor. Diese Betrachtungsweise ist durch und durch von der antiken Männlichkeitsvorstellung geprägt, dies sollte man nie vergessen. Damit ist der Glaube an Tod und Auferstehung Jesu noch keine Überwindung der männlichen Sichtweise auf das Menschsein.

Dies schafft laut Kügler allerdings, man höre und staune, Paulus. Diese Zeit-Reise-Geschichte geht so: Es gab ein Missverständnis zwischen Paulus und der Gemeinde in Korinth. Korinther Frauen hatten wohl seine Worte an die Galater, es gebe nicht mehr Frauen und Männer, sondern alle seien „Einer“ in Christus, allzu wörtlich genommen und sich daraufhin offensichtlich als Männer gekleidet, ihre sonst übliche Kopfbedeckung abgelegt und sich die Haare kurz geschnitten. Das ging Paulus dann aber doch wohl zu weit. Sie verleiteten ihn zu einer polemischen (oder panischen?) Gegenrede (1 Kor 11,2-16): Die Frauen sollten sich fügen und sich den Männern weiterhin untertan erklären, den Kopf bedecken und in der Kirche schweigen (letztere Bemerkung stammt wohl aus einer späteren Hinzufügung, die nicht von Paulus selbst stammt). Mit dem Verweis der Frauen in die Unterordnung unter die Männer schrieb er aber gänzlich gegen seine eigene Überzeugung, so Kügler: dass nämlich seit Jesus Christus andere Kategorien zählten, als die gegenwärtigen, also die antiken. Die biblisch-historische Forschung weiß, dass Paulus durchaus Leitungsfunktionen von Frauen in den Gemeinden gefördert hat. Nur hier, in der immer wieder widerspenstigen Gemeinde von Korinth, wurde es ihm dann offenbar doch zu viel.

Ist dies noch nicht spannend genug? Dann dürften vielleicht noch eine andere Geschichte der Zeitreise noch interessant werden: die Funktion der freiwillig gewählten Ehelosigkeit von Frauen als Mittel eigener Vermännlichung und somit Teilhabe-Ambition an männlicher Macht. Aber das sollten Sie besser selbst lesen – die Zeitmaschine muss weiter.

Natürlich: der Zeitgenosse im 21. Jahrhundert ist geneigt, daraus Schlüsse für heute zu ziehen. Das ist ja auch durchaus beabsichtigt.

Männliche Sexualität als Machtmittel? #MeToo lässt grüßen! Geschlechterwechsel Jesu? Fluide Geschlechtervorstellungen der Gegenwart! „Einer in Christus“ als bewusste Verwischung der Geschlechterhierarchie? Frauen in alle Dienste und Ämter! Die Aktualität der angerissenen Themen werden vom Autor des Buches nur kurz angedeutet, aber sie erschließen sich dem geneigten Lesenden auch fast von selbst, was u.a. am hervorragenden Stil Küglers liegt. Und einem süffisanten, erfrischenden Humor, der ohne Zynismus auskommt, was wieder eine eigene Kunst ist, die er glänzend beherrscht. Das Buch macht einfach gute Laune, trotz der Ernsthaftigkeit des Themas und dessen Bearbeitung.

Der „Männerbeauftragte“ der Bischofskonferenz unter den Rezensenten, nämlich ich, freut sich aber noch aus einem anderen Grund über dieses Buch: endlich noch einmal ein männlicher Theologe, der im Diskurs dysfunktionaler Männlichkeiten einen fundierten theologischen Beitrag zur Dekonstruktion derselben leistet. Chapeau!

Zu guter Letzt jetzt aber noch das Beste: Die Zeitmaschine SE-MA-RE, die hier auf knappe 128 Seiten durch die Zeit rauscht, kann nochmals in Zeitlupe bestiegen werden, indem Willige die tiefergehenden Erkundungen Küglers in einzelnen Fachaufsätzen nachgehen können. Auf sie wird hinten im Buch dankenswerterweise hingewiesen.

Die Lesenden werden es ahnen: dringliche Leseempfehlung für alle an geschlechtersensiblen Fragen Interessierten!

Dr. Andreas Heek

 

Stichworte: Missbrauch, Männlichkeit

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