Kronauer (Hrsg.), Inklusion und Weiterbildung.

Martin Kronauer (Hrsg.), Inklusion und Weiterbildung. Reflexionen zur gesellschaftlichen Teilhabe in der Gegenwart. W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld 2010. ISBN: 978-3-7639-1964-2. 316 Seiten.

 

In welcher Zone der sozialen Verwund-barkeit bewegen sich Bildungseinrich-tungen und Ihre Adressaten? Mit dem analytischen Begriffspaar Exklusion/ Inklusion liegt ein Instrument vor, Prozesse sozialer Ausgrenzung und gesell-schaftlicher Teilhabe in einer neuen Weise zu fassen. Martin Kronauer, Soziologe und Senior Researcher am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE), hat Mitglieder der DIE-Forschungsgruppe „Inklu-sion durch Weiterbildung“ gebeten, in diesem Buch neben Begriffsklärungen vor allem Analysen zu ausgewählten Themenfeldern wie Langzeitarbeitslosigkeit, Migration, ältere Menschen, Literalität und Alphabetisierung, Männlichkeit sowie Organisationen der Weiterbildung zu-sammenzutragen. Ich meine: Damit ist ein richtig guter Sammelband gelungen, der Praktikern wie Theoretikern reichlich Stoff zum Denken geben sollte. Warum?

Bei Exklusion geht es um Ausgrenzung in der Gesellschaft. Gefährdungen und Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft sind meist mehrdimensional. Ungleich-heiten zwischen Klassen, Ethnien, im Geschlechterverhältnis und im sozialen Raum überlagern sich. Ausschluss von Arbeit geht einher mit Verlust von Netz-werken und sozialer Teilhabe, auch mit einer neuen Brüchigkeit von Bürgerrechten. Und selbst Bildungsinstitutionen mit ihren Akteuren und Mentalitäten sind als eigenständige Steuerungsebene aktiv an dem Geschäft von Exklusion und Inklusion beteiligt.

Gerhard Reutter beschreibt die destruktive Kraft längerer Arbeitslosigkeit und kontrastiert den politisch gewollten Rückgang der Förderung auf „Marktnähe“ mit dem Selbstverständnis öffentlicher Weiterbildung. In der Biografie- und Kom-petenzorientierung ihrer Angebote bei gleichzeitiger Sicherung biografischer Kontinuität und Kohärenz im Lebenslauf der Adressaten sieht er eine bleibende Heraus-forderung öffentlicher Erwachsenenbildung. Im Rück-griff auf Amartya Sens Ansatz der Befähigung aller an und zu gesellschaftlicher Entwicklung und Selbstentwicklung blickt Prasad Reddy auf Migration. Als Teil einer multikulturellen Lerngemeinschaft aller fordert er seitens der Bildungsinstitutionen einen Perspektivenwechsel von den Defiziten der Migranten auf die ausgrenzenden Wechselwirkungen zwischen Weiterbildungseinrichtungen und ihre Zielgruppen. Er fordert Weiterbildungsangebote, welche eben gerade nicht nur mit der Differenz „Migration“ arbeiten! Jens Friebe hinterfragt das Konzept des „aktiven Alterns“ als Inklusionsstrategie für bereits Inkludierte. Wenn die biografische Koppelung der Weiterbildung an berufliche Weiterbildung fast automatisch zum Rückgang der Beteiligung Älterer an Weiterbildung führt, welchen Beitrag kann Bildung dann noch zur Partizipation Älterer leisten? Oder, wie müssten sich Einrichtungen ändern, um Inklusion im Alter zu sichern?

Sabina Hussein und Monika Tröster verdeutlichen an Literalität und (funktionalem) Analphabetismus deren Koppelung an kumulierte Risiken und Kompetenzen. Innovative Ansätze berück-sichtigen Sozialintegration und Netzwerke, fördern offene Lernangebote, familienorientierte Zugänge und berufsnahe Angebote. Angela Venth fragt nach dem Einfluss von Männlichkeitsmustern auf Lernmisserfolge und formales Bildungsversagen z.B. bei margina-lisierten jungen Männern mit Migrationshintergrund und/oder Bildungsarmut, wo der männliche Habitus geradezu zur Lernblockade werden kann. Ihre Überlegungen zur Männerbildung im Sinne „kritischer Auseinandersetzung mit dem männlichen Leitbild“ werden eine konkrete Praxis aber nur wenig anleiten können.

Felicitas von Küchler sieht in den selektiven Kulturen der Programmplanung exkludierende Risiken und Wirkungen der Weiterbildungseinrichtungen gerade für „bildungsferne Milieus“. Den Einrichtungen seien aber zu gute gehalten, dass die Exklusion durch Erwachsenenbildung meist Folge ungeplanten organisationalen Handelns ist. Dem entgegenzu-wirken liegt vor beim Bildungsmanagement. In einer ausdifferenzierten Trägerlandschaft mit vielfältigen Zugängen, der Berücksichtigung von Netz-werken sowie einer Sensibili-sierung für mögliche Lernräume sieht sie gute Ansatzpunkte für Strategien der Vielfalt, welche der Exklusion durch Erwachsenenbildung entgegenwirken.

Es ist ein wichtiges Verdienst der Autoren, mit diesen Forschungen der Bildungspraxis einen Spiegel an die Hand zu geben, mit der die pädagogisch oft wohlmeinende Betriebsblindheit gegenüber den ei-genen Ausgrenzungsmechanis-men angeschaut werden kann.

 

Hans Prömper

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