Bauer, Die Kultur der Ambiguität

Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams. Berlin 2016 (6. Auflage)

Vorsicht ansteckend! Es ist nicht eine Krankheit gemeint, die man sich beim Lesen dieses Buches zuzöge, im Gegenteil. Die Hauptthese des Buches, vom Islam der nachformativen Zeit bis ins 19. Jahrhundert zu lernen, nämlich „Ambiguitätstoleranz“, kann als heilsame Therapie gegen verschiedene „Krankheiten“ des Denkens der gegenwärtigen Zeit verstanden werden. Ambiguität, also Mehrdeutigkeit als allgemeines Kulturgut kennen und schätzen lernen, dies könnte nach der Lektüre des Buches tatsächlich ansteckend, will sagen instruktiv, sein. Und zwar deshalb, weil solches Denken insgesamt mehr als eine Facette ins Leben bringt.

Doch der Reihe nach. Das Phänomen Ambiguitätstoleranz ist aus der Psychologie bekannt: je mehr eine Person positive und negative Aspekte einer anderen Person gleichermaßen sehen kann und nicht bewerten, d.h. vor allem abwerten, muss, kann sie als „ambiguitätstolerant“ bezeichnet werden, was gleichbedeutend mit der Bezeichnung dieser Person als „gereift“ ist.

Thomas Bauer, Islamwissenschaftler aus Münster, wendet diesen Begriff allerdings ausschließlich auf den islamischen Kulturraum an und stellt folgende grundlegenden Thesen auf:

  1. In der nachformativen Zeit des Islams, grob gesagt vom Frühmittelalter bis ins 19. Jahrhundert unseres Kuturkreises bzw. unserer Zeitrechnung, sei die islamische Kultur (was weitaus mehr gewesen sei als Religion und Koran!) im höchsten Maße ambig gewesen, habe also Mehrdeutigkeit von Texten und Traditionen zugelassen und sogar damit „gespielt“, sie als Kulturgut gepflegt. Zwar habe es immer wieder auch ambiguitätsreduzierende Maßnahmen gegeben und geben müssen, damit die Mehrdeutigkeit nicht zur vollständigen Undeutlichkeit und Unübersichtlichkeit verschwimmt, aber in der Tendenz habe es über viele Jahrhunderte hinweg gerade auch durch die gut entwickelte Schriftsprache (viel besser als zur gleichen Zeit im Abendland) eine große Menge ambiguitätstoleranter Schriften gegeben.
  2. Die Aufklärung im Abendland habe dann großen Einfluss auch auf die islamische Kultur gehabt, indem sie behauptete, es könne am Ende eines rationalen Prozesses nur eine „wahre“ Aussage zu einem bestimmten Sachverhalt geben. Da sich diese Denkweise im Westen durchgesetzt habe und koloniale Prozesse dazu geführt hätten, dass diese Art zu denken zu einer Art „Leitkultur“ auch für den arabischen Raum geworden sei, habe in den islamischen Kulturen eine Bewegung in Gang gesetzt, die fundamentalistische Auslegungsarten des Korans, bei der am Ende auch nur eine nun „göttliche Wahrheit“ übrigbleiben könne, zur Leitkultur erklären konnte.

Schon für sich interessant in diesem äußerst instruktiven Buch sind dabei z.B. die einzelnen Analysen über „Meinungsverschiedenheit“, „Sprachspiel“, die „Rede Gottes als Mehrdeutigkeit“ und „Ambiguität der Lust“, die der Autor alle in der islamischen Kultur wiederfindet und völlig der populären, gegenwärtigen Sicht auf den „rückständigen“ Islam widersprechen. Noch interessanter werden seine Aussagen dann, wenn man sich den Begriff der „Ambiguitätstoleranz“ auf der Zunge der hiesigen Kultur zergehen lässt. Für die christliche Theologie stellt sich beispielsweise die Frage, inwieweit sie ähnlich wie der Islam sich den „aufgeklärten“ Blick auf die eigene Religion insofern zu eigen gemacht hat, indem sie theologisches Denken auch maximal ambiguitätsreduzierend betrieben hat und Mehrdeutigkeit seitdem ebenfalls suspekt geworden, wenn nicht sogar aktiv bekämpft worden ist. Es stimmt nachdenklich, dass theologisches Denkens insbesondere in Dogmatik und Moraltheologie seit dem 19. Jahrhundert im Grunde bis heute möglicherweise ebenfalls beeinflusst worden ist von der Aufklärung, obwohl es diese eigentlich bekämpft zu haben glaubte. Zumindest in der Konsequenz hat dieses Denken nicht zu einer Ermöglichung von Mehrdeutigkeit kultureller Entwicklungen und in der Interpretation der eigenen Schriften und Traditionen geführt, sondern wurde sogar als „Relativismus“ abgewertet und bekämpft. Bis heute!

Die islamische Kultur ist über tausend Jahre hinweg einen anderen Weg gegangen, hat aber den Reichtum ein großes Stück weit im 20. und 21. Jahrhundert verloren. Christliche Kultur hingegen könnte sich daran erinnern, dass sie in ihrer Konsolidierungszeit als weltoffene und -zugewandte Kirche seit dem 4. Jahrhundert – nur als ein Beispiel – durch den zugleich ambigutitätsoffenen und -reduzierenden Terminus „unvermischt und ungetrennt“, wenn es um den göttlichen Anteil in der Person Jesu geht, sehr treffende und bis heute klare und gleichzeitig geheimnisvolle Formel gefunden hat. Ähnliches lasse sich zu Hauf im Islam finden, so Bauer.

Das Buch ist – gelinde gesagt – eine Offenbarung. Es verschafft einen Blick auf den Islam und die morgenländische Kultur, der nichts anderes sein kann als wertschätzend, bewundernd und neugierig machend. Es stützt die nicht so oft ausgesprochene These, dass die derzeitige oft fundamentalistische Auslegung des Islams dem eigentlichen morgenländischen Denken völlig entgegengesetzt ist. Gleichzeitig regt Bauer in seinem Buch dazu an, darüber nachzudenken, dass die derzeitige abendländische Philosophie und Theologie nicht genügend ambiguitätsoffen sind, um die Diversität kultureller Prozesse besser erfassen zu können. Ungewohnt ist vielleicht auch der Gedanke, dass unsere Kultur von der Ambiguitätstoleranz des Islams etwas lernen könnte. Letztlich ist es die Frage danach, ob die islamische Kultur mehr Aufklärung „können“ sollte, was oft und schnell gefordert wird, oder rationalistisches Denken mehr islamisches Denken gebrauchen könnte, um zu lernen, dass der menschliche Geist sich nie auf einen Nenner bringen lässt und solange Menschen Menschen sind, Widersprüche, Ungereimtheiten und Inkonsequenzen einfach zum Menschsein gehören und dieses sogar ein Stück leichter und – schlicht – fröhlicher macht.

Um dieser Gedanken willen sei dieses Buch hier zur Lektüre werbend sehr empfohlen, auch wenn es schon 2011 in der ersten Auflage erschienen ist. Aktuell in Zeiten von Populismus und Polemik des Vereinfachens ist es mehr denn je. Also meine Empfehlung: unbedingt lesen!

Dr. Andreas Heek

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