Ostersonntag „Vor Schmerz und Freude weinen“

Anfang März beginnt für Imker das Bienenjahr. So auch für mich. Der erste Blick unter die Deckel der Bienenbehausung ist stets spannend: Lebt das Volk? Oder ist es aus welchem Grund auch immer gestorben? Der Winter ist eine kritische Zeit für Bienen.

Seit nun fünf Jahren imkere ich zusammen mit meinem Sohn und meiner Frau. Und noch nie haben wir erleben müssen, dass ein Volk über den Winter gestorben ist. So aber in diesem Jahr. In Opas Garten (wo ein Teil der Bienen steht) scheint die erste wärmende Frühlingssonne, Vögel zwitschern in den Bäumen. Aber wir stellen fest, dass im Volk Nummer vier kaum noch Bienen sind und vor allem keine Königin, das Zentrum jedes Bienenvolkes. Wir müssen das Volk auflösen, die zum Teil verschmutzten oder durch mangelnde Pflege im Winter verschimmelten Waben verbrennen.

Bienen nach Volkszusammenbruch

Als wir um das lodernde Feuer stehen, werde ich traurig. Ein Volk, das wir seit fünf Jahren gepflegt und gehegt haben, ist nun nicht mehr!

Ein Bienenvolk, bestehend aus vielen, voneinander abhängigen Bienen, wird oft wegen seines extrem gut austarierten sozialen Zusammenhalts auch in seiner Gesamtheit als „Bien“ bezeichnet. Es zeigt quasi-individuelle Kennzeichen: es riecht anders als ein anderes, hat ein eigenes Summgeräusch im Inneren, etc. Es ist, als verlöre man ein vertrautes Tier, wenn es stirbt. Jeder Landwirt mit Herz kennt sicher dieses Gefühl der Trauer über den Verlust eines seiner Tiere.

Einige Tage später.

Der leere Bienenstock steht in der Scheune. Aber draußen, an den anderen Beuten herrscht reges Treiben. Es ist sonnig, 15 Grad warm, ideales Wetter für Bienen. Ich beobachte den Eingangsschlitz: reger Flugverkehr! Besonders erfreulich: viele Bienen tragen „Pollenhöschen“, d.h. sie schleppen eiweißreiche, meist gelbe Pollen, an ihren Hinterbeinen befestigt, in den Stock. Ein gutes Zeichen: die Königin hat begonnen, Eier in die Waben zu legen, deren sich entwickelnden Larven nun von den Bienen mit Pollen gefüttert werden. Mein Herz macht einen kleinen Freudenhüpfer, als ich das sehe. Dieser Moment ist wichtig für das gesamte Bienenjahr. Denn jetzt geht es aufwärts. Von den ca. 4000 Winterbienen bis hin zu 40000 Sommerbienen, die dann den leckeren Honig bringen, ist ein weiter Weg. Aber er beginnt mit den ersten „Pollenbienen“, jetzt.

Frühlingserwachen

Schmerz und Freude liegen manchmal nah beieinander. Manchmal tut Freude auch weh, z.B. wenn ich bei so viel Lebendigkeit an mein totes Bienenvolk denke. (Umgekehrt kenne ich das nicht: dass Schmerz ein Teil Freude enthält.)

Der wichtigste Satz im heutigen Osterevangelium lautet für mich: „Halte (mich) nicht fest!“ (Joh 20,17). Für mich schwingt mit: Geh mit dem Rhythmus des Lebens! Schau Dich um, wo Leben ist! Lass die Trauer, die Zweifel, den Hass nicht siegen! Freu Dich an der Lebendigkeit, die in Dir steckt!

Heute gehe ich sicher noch mal zu den Bienen: atme die köstliche Stockluft ein, die auch schon ein bisschen nach Honig riecht. Beobachte das rege Treiben am Eingang der Bienenstöcke, lass mich bescheinen von der milden Sonne. Und erinnere mich dankbar an den Honig, den mir das gestorbene Volk über viele Jahre hinweg beschert hat.

 

Dr. Andreas Heek, 49, verheiratet, ein Sohn (16)

Leiter der Arbeitsstelle Männerseelsorge

Seit fünf Jahren Hobbyimker zusammen mit der Familie

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