Ostermontag „Brennende Herzen teilen“

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ (Antoine de Saint-Exupéry)

 

So lautete das Motto der 100-Jahr-Feier meiner Schule. Dazu gab es Kreuze mit einem ausgetanzten Herzen, die man sich umhängen konnte. Obwohl das Motto nicht nur einmal zum Thema von Unterrichtsstunden oder Predigten gemacht wurde, blieb mir seine Bedeutung als Schüler irgendwie verschlossen. Wie kann man mit dem Herzen sehen? Oder mit dem Herzen denken? Der nüchtern Denkende in mir antwortete: „Das Herz ist ein Muskel. Für das Sehen sind die Augen zuständig und für das Denken das Hirn.“

Doch diese radikale Nüchternheit greift zu kurz, denn im Herzschlag schlägt sich der Gefühlszustand nieder. Mein Herz schlägt schneller, wenn ich aufgeregt bin. Es pocht lauter, wenn ich Angst habe oder beklommen bin. Es setzt kurz aus, wenn ich mich erschrecke. Wenn ich also über etwas oder jemanden nachdenke, ist mein Herz daran beteiligt.

Dies gilt nicht nur im körperlichen Sinn, sondern auch im übertragenen Sinn. Das Herz ist in unserer Kultur das Symbol für die Liebe und darüber hinaus für Gefühle überhaupt. Insofern bedeutet „mit dem Herzen sehen“ auch, in Kontakt mit seinen eigenen Gefühlen zu sein, um durch diese „Bauchantenne“ empfänglich zu sein für das Gefühl, das mein Gegenüber gerade bewegt.

Die beiden Jünger in der Emmausgeschichte sehen Jesus zuerst nur mit ihren Augen. Daher können sie ihn nicht erkennen. Sie sind frustriert über das klägliche Ende der Jesusbewegung, der sie sich angeschlossen hatten und in die sie viel Energie gesteckt hatten. Sie sind aber auch irritiert über die merkwürdigen Aussagen, dass Jesus erschienen sein soll. Auf jeden Fall sind sie vollkommen damit beschäftigt, in ihre Gedanken und Gefühle wieder Ordnung und Klarheit zu bringen. Sie sind nicht offen, um den fremden Begleiter, der sich ihnen unterwegs angeschlossen hat, wirklich wahrzunehmen. Erst als sie wieder zuhause sind und zur Ruhe gekommen sind, öffnen sich ihnen die Augen. Was sie sehen und was sie fühlen, steht wieder im Einklang miteinander. Ihre Niedergeschlagenheit wandelt sich und sie spüren wieder die Energie, die in ihnen steckt. „Brannte uns nicht das Herz in der Brust?“

Brennende Herzen? − Sofort schrillen bei mir die Alarmsirenen: Wer für etwas brennt, der ist von „Burn-out“ bedroht! Ist es da nicht vernünftiger, mein Engagement zu zügeln? Mich aus Konflikten und Auseinandersetzungen herauszuhalten? Auch wenn die Gefahr eines Burn-outs nicht zu unterschätzen ist, so darf die Angst davor einen nicht in Passivität führen.

Seit über 25 Jahren engagiere ich mich dafür, dass die Kirche Schwule und Lesben als gleichberechtigt anerkennt. Das ist meine persönliche Berufung, eine Vision, für die ich brenne. Hier sind viele dicke Bretter zu bohren. Dabei habe ich gelernt, meine Energien nicht in aussichtslosen Konflikten mit Hardlinern zu verschwenden, sondern lieber kreativ nach neuen, bislang unbekannten Wegen zu suchen. Ich habe gelernt, langfristig zu denken und nicht jedem Gefühl der Empörung zu folgen und mir Pausen zu gönnen, wenn ich erschöpft bin. Einerseits kommt dann doch wieder die Nüchternheit durch, aber andererseits habe ich gelernt, auch mich selbst „mit dem Herzen zu sehen“.

 

Bibeltext: Lk 24,13−35

 

Michael Brinkschröder

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