Franz/ Karger (Hg.), Männliche Sexualität und Bindung

Franz, Matthias, Karger, André (Hg.), Männliche Sexualität und Bindung, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht), 2017.

Will man dieses Buch mit Gewinn lesen, darf man keine grundlegenden Aversionen gegen die psychoanalytische Grundidee von der menschlichen Seele haben. Denn sowohl die Herausgeber, als auch viele AutorInnen des Buches arbeiten mit der klassischen psychoanalytischen Theorie über Entstehung und Entwicklung von (männlicher) Sexualität. Wer selbst mit diesen Theorien arbeitet, hat wahrscheinlich kein Problem mit dem Buch. Wer darüber hinaus interessiert ist an der Phänomenologie menschlicher Sexualität, wird in diesem Buch viel Anregendes und Spannendes finden.

Denn es enthält so Vielfältiges über die männliche Sexualität, dass dies fast im Titel den Plural gerechtfertigt hätte: „Männliche Sexualitäten“. Denn eines scheint klar zu sein: nicht nur die Grenzen zwischen den Formen des Begehrens lösen sich auf, sondern auch die konkreten Lebensweisen der Menschen und deren praktizierte Sexualität. Das eröffnet nicht nur Freiheitsräume, sondern erfordert auch die Fähigkeit, sich nicht zwischen diesen Räumen zu verlaufen. Dies zeigt besonders Sophinette Becker in ihrem Aufsatz „Transsexualität, psychosexuelle Identität und multiple Facetten männlicher Identität“ eindrücklich auf.

Überhaupt ist der Band eine eindrucksvolle Sammlung unterschiedlichster Themen im Bereich männlicher Sexualität. Entstanden sind die Beiträge auf dem alle zwei Jahre stattfindenden Männerkongress der Universität Düsseldorf 2016. Über (fast) alles, was die Sexualität von Männern betrifft, wird nachgedacht: von sexualisierter Gewalt gegen männliche Flüchtlinge, Sexualität am Arbeitsplatz, Sexualität im Alter, psychosexuelle Entwicklung von Jungen bis hin zu Pornographie.

Instruktiv fand ich persönlich den Beitrag von Josef Christian Aigner, „Männliche Sexualität als das Andere – wovor Genderforscher/innen Angst haben könnten“. Darin beschreibt er, dass zwar Gleichheit bei der Augenhöhe des Miteinanders der Geschlechter unbedingt angestrebt werden muss, aber dass dies nicht zu verwechseln sei mit der Tatsache, dass es – ganz einfach – phänomenologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, von denen die gegenseitige Anziehungskraft bzw. Abstoßung geradezu lebt. Geschlecht ist eben nicht nur Konstrukt, sondern auch Vorfindliches. Die Ambiguität von Geschlecht ist also eine unbedingte Lernaufgabe im Diskurs über „Gender“.

Wohltuend ist der Beitrag von Hans Jelluschek, der die „Grundnahrung“ langandauernder Beziehungen beschreibt: „Verbindlichkeit, Paar-Inseln, Balance von Autonomie und Bindung, gutes Stressmanagement, Achtsamkeit, Großzügigkeit, die Fähigkeit, Krisen als Chance zu nutzen“ (S.130). Der Wunsch nach Bindung ist weiterhin ein angestrebtes Gut von vielen Paaren – Männern und Frauen – aber ihr Gelingen wird immer mehr auf den nächsten Partner verschoben, der mich doch noch etwas mehr liebt und ich ihn.

Matthias Franz nimmt sich eines schamhaft verschwiegenen Themas an, das vielleicht jetzt, fünf Jahre nach einem umstrittenen Urteil des Kölner Landgerichts, wieder neuen Schwung bekommt: die Genitalbeschneidung bei Jungen (siehe auch „Die Zeit“ vom 15.03.2018: „Beschneidung überdenken“, aber auch meinen eigenen Beitrag http://kath-maennerarbeit.de/wp-content/uploads/Beschneidung_K%C3%B6rperverletzung.pdf). Hier bringt Franz gute Argumente, die für das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit plädieren. Vor allem mit Verweis auf Traumatisierungen von muslimischen Jungen, die in der Regel, anders als Juden, erst im Alter von acht Jahren beschnitten werden, lehnt er diese mit Verweis auf die psychoanalytische Sichtweise vehement ab, diese könne man als Teilamputation des männlichen Gliedes sehen und sie entstamme der überholten archaischen Vorstellung, männliche Initiation müsse über die Verletzung der Integrität erfolgen. Hierüber ist in der Tat zu reden. Allerdings ist der religionskritische Ton seiner dezidierten Meinung störend. Religion als quasi-überholtes Relikt in der Evolution des Menschen anzusehen, ignoriert zumindest die Tatsache, dass es immer noch viele Menschen gibt, die Religion als wichtige Sinnquelle nutzen. Unabhängig davon, wie man zu den Religionen steht, hilft hingegen wohl nur ein grundlegend empathischer Dialog mit diesen, damit sie, was auch anfanghaft geschieht, ihre Praxis überdenken, die möglicherweise mehr archaisch-traditionell, als aktuell-religiös ist.

Nach der Lektüre des Buches weiß man jedenfalls ziemlich genau, wo die neuralgischen Punkte „der“ Männerseele sind. Allerdings kann der gestandene Männerarbeiter und -seelsorger auch dabei bleiben, dass Männerleben in erster Linie nicht grundlegend kritisch zu sehen ist oder gar pathologische Züge hat. Eine zeitgemäße Männerarbeit hat vielmehr auch die Aufgabe, die Freude, ja die Lust – und da wären wir ja wieder bei Sexualität – auf Männlichkeit zu wecken und zu stärken und die Unsicherheit zu überwinden; die Intuition von Männern zu stärken, indem sie ihren Gefühlen und Impulsen trauen. Da ziehen die AutorInnen des Bandes und Männerarbeiter im Grunde am selben Strang: die einen gehen mehr vom Mangel aus, die anderen von der schon vorhandenen Fülle.

Dr. Andreas Heek

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