Zakzak, Ezzedine, Toxische Männlichkeit bei jungen Migranten

Mohamed Zakzak, Ibrahim Ezzedine, Toxische Männlichkeit bei jungen Migranten, Springer Fachmedien Wiesbaden 2025

Das Buch beleuchtet die Fragestellung, wie starre Ehrbegriffe und Männlichkeitsnormen bei jugendlichen Zuwanderern zu Gewalt führen können.

Gewalt wird hier als jede Form physischer oder psychischer Schädigung, die gegen den erklärten oder mutmaßlichen Willen einer Person ausgeübt wird, verstanden. Doch jedes mediale Schlaglicht auf eine Gewalttat blendet oft die Biografien der Tatverdächtigen aus, ihre Bildungsabbrüche und Ausgrenzungserfahrungen. Genau auf diese biographischen Geschichten richtet dieses Buch den Fokus. Es verweist dabei auf Mängel im Schutzsystem, Lücken in der schulischen Förderung, Versäumnisse bei der Integration, Enttäuschungen im Kontakt mit Behörden und fehlende Kompetenzen zur Bewältigung psychischer Notlagen.

Die vier Erziehungs- und Familienmuster konservativ-autoritär, religiös, leistungsorientiert und modern beruhen auf konkreten Beobachtungen und Erfahrungen aus der langjährigen Arbeit mit Familien unterschiedlicher Herkunft. Sie bieten eine Orientierungshilfe, um die Vielfalt familiärer Lebensrealitäten besser zu erfassen, dabei sind die Übergänge fließend. Veränderung ist möglich, aber sie braucht Vertrauen. Erst wenn Familien sich ernst genommen und nicht bevormundet fühlen, entstehen Offenheit und Bereitschaft zur Reflexion. Entscheidend ist der respektvolle, verstehende Zugang – auf Augenhöhe und mit kulturellem Feingefühl.

Ein zentrales Spannungsfeld stellt der Konflikt zwischen den Generationen dar. Während Eltern häufig an vertrauten kulturellen Mustern festhalten, möchten die in Deutschland geborenen Kinder oftmals neue Wege gehen.

Jugendliche mit Migrationsgeschichte stehen dabei häufig zwischen zwei Welten. Einerseits sind sie konfrontiert mit den Erwartungen und Normen ihrer Herkunftsfamilien, andererseits stehen sie den Prinzipien von Gleichberechtigung und individueller Selbstbestimmung in Deutschland gegenüber. Toxische Männlichkeit gedeiht dort, wo Fragen verboten sind, Schwäche verachtet wird und körperliche Überlegenheit als Mittel der Konfliktlösung gilt.

Die Kontrolle über die Sexualität, Bewegungsfreiheit und Außenwirkung der Frauen wird zur Messlatte für seinen sozialen Wert und damit zum Nährboden für Überwachung, Einschränkung und im Extremfall Gewalt. Diese Form von Männlichkeit ist fragil. Sie basiert nicht auf innerer Stabilität oder Selbstreflexion, sondern auf äußerer Bestätigung, Machtdemonstration und Abgrenzung. Gefühle wie Trauer, Angst oder Hilflosigkeit sind in diesem Bild nicht vorgesehen. Sie gelten als Schwäche, die den Status des Mannes gefährden. Dies wurde dem Autor häufig im Beratungskontext mitgeteilt.

Aber Toxische Männlichkeit ist nicht angeboren, sie ist erlernt. Und was erlernt wurde, kann auch wieder verlernt werden. Bildung, Aufklärung, Empowerment und das Sichtbarmachen alternativer Männlichkeitsbilder sind zentrale Bausteine, um junge Männer aus dieser engen Definition von Stärke und Ehre zu befreien. Es braucht Räume, in denen sie verletzlich sein dürfen, in denen sie neue Formen von Respekt und Selbstwert kennenlernen und in denen sie sich selbst jenseits von Kontrolle und Gewalt erfahren können.

Auch unabhängig von Religion oder Bildungsgrad übernehmen Familien oft tradierte Rollenmuster und das insbesondere dann, wenn sie sich gesellschaftlich marginalisiert oder ausgeschlossen fühlen. Diese jungen Menschen brauchen sichere Räume, in denen sie sich mit ihren Fragen, Widersprüchen, Unsicherheiten und Ängsten zeigen dürfen. Sie brauchen verlässliche Beziehungserfahrungen, in denen Vertrauen wachsen kann und sie brauchen Vorbilder, die alternative Formen von Männlichkeit leben. Dabei fungiert Bildung als Türöffner für Anerkennung. So entsteht eine nachhaltige Perspektive für Teilhabe, Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die Lebenswirklichkeit junger Männer mit Migrationsgeschichte ist oft von doppelten Herausforderungen geprägt. Sie müssen sich nicht nur in einer komplexen Gesellschaft zurechtfinden, die ständig neue Anforderungen und Chancen bereit­hält, sondern sie erleben zusätzlich den Spagat zwischen den Erwartungen ihrer Herkunftsfamilien und den Normen der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Erwachsene Bezugspersonen wie Lehrer:innen, Mentor:innen oder engagierte Nachbar:innen können durch verlässliche und vertrauensvolle Bindungen die Entwicklung Jugendlicher positiv beeinflussen. Dies gilt insbesondere für Jugendliche, die durch Armut, familiäre Belastungen oder Diskriminierung besonderen Risiken ausgesetzt sind.

Wer toxische Männlichkeit kritisieren will, darf daher nicht bei der moralischen Verurteilung stehen bleiben. Er muss die gesellschaftliche Ordnung hinterfragen, in der Gewalt als männlich, männlich als stark und Stärke als Unterwerfung verstanden wird.

Wie wäre es, wenn Respekt nicht länger über Drohgebärden, sondern über Empathie verhandelt werden würde? Wer solche Räume öffnet stellt fest, dass Männlichkeit formbar ist. Sie ist kein Betonpfeiler, sondern ein Geflecht aus Gewohnheiten, Erwartungen und Mythen. Es braucht neue Bilder von Männlichkeit, die Verantwortungsübernahme und Dialogfähigkeit als echte Stärke begreifen.

Das Buch liefert eine Analyse, die auf Erfahrungen aus fast zwanzig Jahren sozialer Arbeit fußt. Das merkt man auf jeder Seite: Er beschreibt nicht von außen, sondern aus der Praxis heraus, was Ehre, Männlichkeitsdruck und gesellschaftliche Ausgrenzung mit jungen Menschen machen. und der Text regt zum Nachdenken an. Dabei geht es dem Autor nicht um Verurteilung, sondern um Verstehen.

Jürgen Döllmann

Stichworte: Männer Heute, Männlichkeit, Untersuchungen und Studien

Related Posts

Neueste Buchbesprechungen

Situation und Konstellation
13. Oktober 2026
Raeth, Wir Freitagsmänner
28. August 2026
Langer, Mahs, Thon, Windheuser (Hrsg.), Das unkaputtbare Patriarchat?
29. Juni 2026
Pichler, Winkler (Hrsg.), Die Bibel und ihre Mannsbilder
27. Mai 2026
Dittmann, Jungs von heute, Männer von morgen
28. April 2026
Von Heesen, Mann am Steuer
24. März 2026

Themenbereiche

Archiv der Beiträge