Raeth, Hans-Gerd, Wir Freitagsmänner. Wer wird denn gleich alt werden? Roman, München (dtv) 2026
Vielleicht muss man es genau so machen. Nicht einen Ratgeber verfassen, wie Männer (besser) altern (können), sondern eine Geschichte darüber erzählen. Männer tun sich oftmals schwer, sich direkt mit ihren Problemen zu konfrontieren. Problemratgeber für Männer: schätzungsweise ein Nischenprodukt. Insbesondere wenn es an die Substanz geht, nämlich ihre männliche Kraft oder ihr drohendes Schwinden. Der Protagonist des Romans führt uns inmitten seiner Lebenskrise (einer typischen?) in den ganz normalen Alltagswahnsinn eines Männerlebens jenseits der Lebensmitte, nämlich frisch nach der Trennung seiner Frau von ihm. Diese hat er zugunsten einer jüngeren verlassen, die ihn dann aber wiederum verlassen hat. Jetzt steht er da, Frau(en) weg, Haus weg, Kinder weit weg in der Weltgeschichte. Er versucht, seine Ehre als Mann zu retten, indem er ziemlich verzweifelte und auch zweifelhafte Versuche macht, neue Beziehungen einzugehen. Ein guter Freund, auch gerade im Beziehungsstress, steht ihm bei und zieht vorübergehend bei ihm ein. Herrliche Dialoge mit viel Witz und Überraschung lässt den versierten Drehbuchautor Raeth glänzen.
Das klingt zunächst, und fühlt sich auch besonders anfangs so an, wie eine ziemlich klischeehafte Story über alternde Männer. Aber so einfach ist es nicht. Der Autor, selbst Jahrgang 1965, hat in der scheinbar locker dahinfließenden Geschichte ziemlich wichtige Informationen über körperliche und seelische Symptome der „Wechseljahre des Mannes“ eingeflochten. Immer mit einem großen Schuss Selbstironie, was die Geschichte richtig köstlich macht. Und wie das so ist mit der Ironie, der Leser fühlt sich ertappt, wenn er tiefer drüber nachdenkt. Und das lohnt sich tatsächlich. Nur die Ich-Figur scheint an vielen Stellen – typisch Mann, würden viele sagen – eher mit Zynismus zu reagieren als mit Nachdenklichkeit und Bereitschaft zur Veränderung.
Neu für viele dürfte sein, dass das Roman-Ich von einer Psychologin, von der es eigentlich was will, weshalb er eigentlich die Psychotherapie macht, die Lebensspanne in eine Woche gepackt bekommt. Montagmorgen Geburt, Sonntagabend Tod. Mit Mitte, Ende fünfzig stünde man dann so ungefähr am Freitag, so definiert der Protagonist seine Lebensphase für sich. Die Frage ist dann nur: Freitagvormittag oder schon Freitagnachmittag, also vor und kurz nach dem beruflichen Ausscheiden. Im Beruf, als leitender Mitarbeiter bei einer Zeitung, kriselt es gehörig, und er kommt tatsächlich ins Nachdenken, wie er sich elegant aus der Affäre ziehen kann.
Der Roman ist kurzweilig, nachdenklich, voller Klischees, aber eben auch versehen mit interessanten Brüchen. Er changiert, und das macht ihn interessant, und jederzeit überaus lustig. „Nie wurde die zweite Lebenshälfte köstlicher beschrieben.“ Dieser Button auf dem Buchcover mit einem Zitat von Christoph Maria Herbst trifft es recht gut. Und tatsächlich passen die Figuren des Romans gut zu den Rollen, die Herbst in Film und Fernsehen spielt.
Nein, ein Ratgeber für älter werdende Männer ist der Roman nicht wirklich. Aber ein wichtiges Tabu wird auf achtungsvolle Weise gebrochen. Hier erfährt man so Einiges, was Mann etwas angeht, ohne dass es pädagogisch oder moralisch wird. Da Lachen sprichwörtlich gesund ist, hat der Roman auf jeden Fall aber mindestens auch eine therapeutische Wirkung. Zu lachen gibt es wahrlich genug, aber eben auch zum Nachdenken. Deshalb: unbedingte Leseempfehlung.
Dr. Andreas Heek, Leiter der Arbeitsstelle Männerseelsorge und Männerarbeit in den deutschen Diözesen
Stichworte: Männergesundheit, Männer heute

