Lutz Jäncke, Mann und Frau – ein Auslaufmodell? Warum sie sich ähnlicher sind, als wir vermuten, und wo der wahre Unterschied liegt, Hogrefe Verlag Bern, 2025
In diesem Sachbuch beschäftigt sich der Neurowissenschaftler mit Fragen nach Geschlechtsunterschieden. Besonderen Fokus legt er auf die Lern- und Interpretationsfähigkeit des menschlichen Gehirns. Denn die Diskussion über die Geschlechter berührt nicht nur wissenschaftliche und biologische Aspekte, sondern auch tief verwurzelte soziale und kulturelle Werte und Normen. Wenn Geschlechtsunterschiede im Verhalten und Denken existieren, wo sind sie zu finden? Der Autor plädiert dafür, von zwei Geschlechtern mit einem Kontinuum von Variationen in der Anatomie und Physiologie zu sprechen.
Oft wird heute so getan, als ob Männer und Frauen jeweils homogene Gruppen wären, die sich deutlich voneinander unterscheiden würden. In Untersuchungen zeigte sich, dass Frauen etwas besser sind bei der Sprachproduktion, bei der Wahrnehmungsgeschwindigkeit und häufiger kooperierende Gespräche führen. Diese Unterschiede sind für den Einzelfall aber praktisch unbedeutend. Studien haben gezeigt, dass vielmehr Bildung, Kultur und sozioökonomischer Status und Ausbildung der Eltern massive Einflüsse auf verbale und mathematische Leistungen der Kinder jedweden Geschlechts entfalten. Auch spielen Geschlechtsstereotype gerade bei Kindern mit Migrationshintergrund eine große Rolle.
Es gibt Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Gehirn, die aber nicht als angeborene und unveränderliche Merkmale betrachtet werden müssen. Der Autor bevorzugt die Mosaik Theorie: Es gibt keine klaren Unterschiede zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen, sondern vielmehr eine Vielfalt von Unterschieden, die je nach individuellen Lebens- und Verhaltensweisen auftreten. Die Unterschiede variieren je nach Umweltbedingungen, sozialen Erfahrungen und individuellen Präferenzen.
In modernen Gesellschaften ist es wichtig, dass allen Menschen die Freiheit zugestanden wird, sich frei zu entscheiden. Und Anreize, um ihre Talente zu entfalten. Vorbilder spielen eine wichtige Rolle, um Geschlechterstereotype zu überwinden und Mädchen und Jungen zu ermutigen, unterschiedliche Interessen und Berufswege zu erkunden. Wichtig ist es, dass alle Menschen unabhängig ihres biologischen und subjektiven Geschlechts alle Möglichkeiten haben sollten, gemäß ihren Talenten und Neigungen Betätigungen nachzugehen. Und noch eine weitere für mich wichtige Erkenntnis nach dem Lesen des Buches: Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind deutlich geringer als populärwissenschaftliche Debatten oft weißmachen wollen. Das scheinen mir beides wichtige Fazite des Autors!
Jürgen Döllmann
Stichworte: Männer Heute, Männlichkeit, Untersuchungen und Studien

