Walz, „… nicht mehr männlich und weiblich …“?

Heike Walz, „… nicht mehr männlich und weiblich …“? Ekklesiologie und Geschlecht in ökumenischem Horizont. Verlag Otto Lembeck, Frankfurt 2006. ISBN 3-87476-504-0. 487 Seiten, € 28,–.

 

Eine fast 500 Seiten umfassende Dissertation mit entsprechendem Anmerkungsapparat durchzuarbeiten erfordert Zeit, Geduld und sicherlich vom Leser oder der Leserin ein gewisses Durchhaltevermögen. Die vorliegende Arbeit der evangelischen Theologin Heike Walz, eine überarbeitete Fassung ihrer 2005 in Basel angenommenen Doktorarbeit, macht da keine Ausnahme. Und angesichts der Materialfülle ist das Ganze auch nicht immer eine leichte Lektüre. Dennoch lohnt es, sich dieses Buch auch außerhalb des akademischen Betriebes einmal etwas genauer anzuschauen.

Die Autorin versteht ihren Beitrag als „Ansatz der theologischen Geschlechterforschung …, der den Perspektivenwechsel von feministischer Forschung zu Gender- und Geschlechterforschung aus theologischer Sicht kritisch-konstruktiv vollzieht“ (S. 28). Berücksichtigt werden sollen damit also bewusst die Perspektiven beider Geschlechter. Wie der Untertitel deutlich macht, gilt ihr vorrangiges Interesse der Frage, wie in das theologische Nachdenken über Kirche kulturell und konfessionell geprägte Geschlechterkonzeptionen einfließen und umgekehrt solche Geschlechterkonzeptionen wiederum beeinflusst sind von konfessionellen und kulturellen Prägungen. Nach Klärung theoretischer und methodischer Fragen in Teil I (S. 41-124) stellt die Autorin in einem umfangreichen zweiten Materialteil dafür eine Reihe von signifikanten Beispielen aus unterschiedlichen kulturellen und konfessionellen Kontexten zusammen (S. 129-388). Aus Sicht der Männerarbeit verdienen besonders Kapitel 4 (S. 172-239) zum Thema Spiritualität und Liturgie und Kapitel 5 (S. 250-331) zur Problematik der Gewalt im Geschlechterverhältnis Aufmerksamkeit. In Kapitel 4 geht die Autorin dabei auf aktuelle Männerdiskurse im kirchlichen Umfeld ein. Ausführlicher bespricht sie drei für sie exemplarische Ansätze (davon zwei aus dem katholischen Raum). Kennzeichnend ist für alle drei, dass sie Abschied von einer defizitären Vorstellung von Männlichkeit nehmen. Zum ersten geht es um die „Restauration ‚authentischer‘ Männlichkeit mit bisweilen maskulinistischen Ansätzen“ (S. 190), die die Autorin in den Büchern von Markus Hofer wiederfindet. Zweitens bespricht sie den „männlichkeitssuchenden“ Ansatz von Christoph Walser und Peter Wild mit ihrer Betonung der sinnlichen Spiritualität des männlichen Körpers und schließlich drittens Hans Prömpers Dissertation zur emanzipatorischen Männerbildung in der Kirche. Ihre Sympathien gehören dabei eindeutig dem dritten Ansatz, wie ihre zusammenfassende Bewertung (vgl. S. 218-220) zeigt.

In einem kürzeren Schlussteil (S. 393-446) entwickelt die Autorin schließlich aus den weltweit zusammengetragenen Beobachtungen und Erfahrungen zur Rolle der Geschlechterfrage in kirchlichen Kontexten ihr Konzept einer „Ekklesiopraxologie“, das sie selber zwischen der Befreiungstheologie und der poststrukturalistischen Geschlechterdekonstruktion von Judith Butler verortet. Dahinter verbirgt sich im Kern ein bewusst multiperspektivischer Blick auf kirchliche Wirklichkeit und die in eben dieser Wirklichkeit mit eingebettete Geschlechterfrage. Und die Konsequenz daraus? In den Worten von Heike Walz klingt das in einem Mammutsatz wie folgt: „Eine ausschließlich binnenkonfessionelle, binnenkulturelle, männerdominante, feminisierende, feministische, männerkritische, heterosexuelle, homosexuelle, spiritualisierende, körperliche , euroamerikanische oder Dritte-Welt-Perspektive verschließt die Augen vor der Wechselwirkungen, dem Reichtum und den Bedürfnissen anderer konfessioneller Traditionen, kultureller Gegebenheiten, geschlechtsbezogener Realitäten und ökonomischer Kontexte. Ekklesiologische Perspektiven aus einem Kontext sind fragmentarisch“ (S. 446). Ein Abkürzungsverzeichnis und ein vierzigseitiges (!) Literaturverzeichnis (das dann doch nicht vollständig ist, wie beispielsweise das Fehlen der Arbeit von Erich Lehner zur kirchlichen Männerarbeit zeigt) sind der anregenden Arbeit beigegeben – ein Tipp für alle, die an Fragen theologischer Geschlechterforschung interessiert sind.


Andreas Ruffing

 

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