Striet/ Werden (Hg.), Unheilige Theologie

Magnus Striet & Rita Werden (Hg.), Unheilige Theologie, Analysen angesichts sexueller Gewalt gegen Minderjährige durch Priester, Freiburg i.Br. 2019

In den Jahren des Pontifikates Johannes Pauls II. und mit dessen Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, wäre ein solches Buch sicher kaum möglich gewesen, ohne dass die Autorinnen und Autoren Schwierigkeiten bekommen hätten. So viel Sprengkraft enthält es, dass nur ein beherztes Öffnen für theologisch Streitbares durch Papst Franziskus allein die Freiheit theologischer Analysen wie diese garantiert. (Das längst nicht alle in „Rom“ so denken, zeigt sich immer wieder, wenn Theologinnen und Theologen, die sich für eine veränderte Theologie einsetzen, immer noch „Post“ bekommen oder durch „ihren“ Bischof zum Gespräch gebeten werden…)

Aber nun zum Inhalt des Buches selbst.

Alle, wirklich alle Beiträge des Bandes, der übrigens in einer hervorragenden Reihe des Herder-Verlags erscheint: Katholizismus im Umbruch, herausgegeben von Magnus Striet und Stephan Goertz, bergen ein enormes Reformpotenzial innerhalb der katholischen Kirche in sich. Würden die Analysen innerhalb der Kirche, vor allem von verantwortlichen Bischöfen selbstkritisch gelesen und beherzigt, stünden wir vor einem Paradigmenwechsel in der theologischen Ethik – und in Machtfragen. Atemlos liest man beispielsweise, dass es einen „unheiligen“ Zusammenhang zwischen sexueller Gewalt an Kindern, vornehmlich Jungen, und dem Reinheitsmythos des Klerikerstandes gibt, der unmittelbar mit dem „purus puer“, dem unschuldigen Jungen in Verbindung steht. Hubertus Lutterbach verfolgt dieses Motiv bis tief in die Frühzeit christlichen Mönchtums zurück.

Entlarvend sind auch die Analysen von Rita Werden zum inflationär gebrauchten Begriff der „Scham“ von Bischöfen, die sich unmittelbar nach der MHG-Studie geäußert haben. Wer sich schämt, so Werden, will eigentlich nicht richtig hinschauen, spielt dem Täter in gewisser Weise in die Karten, denn die Schamlosigkeit der Tat nutzt aus, dass nicht sein kann, was ist. Gleichzeitig analysiert sie eine befremdliche Entpersonalisierung der Verantwortung für die Vertuschung der Taten seitens der meisten Bischöfe in Deutschland. Kein einziger Bischof sei deswegen zurückgetreten. Plötzlich sei ein unpersönliches „System“ schuld, obwohl sonst die Bischöfe als Wächter des Lehramtes in persona Christi machtvoll aufträten.

Die Sakralisierung und Auratisierung des Priesteramtes wirkten beim Umgang mit den sexuellen Verbrechen von Klerikern extrem hinderlich. So analysiert Georg Essen in einem weiteren erhellenden Beitrag. Insbesondere das Bestehen auf dem Zölibat als Zeichen besonderen Auserwähltseins trennt die Priesterschaft auf absichtsvolle Weise von den sogenannten Laien. Einerseits erhebt das Zölibat die Priester in einen Stand besonderer „Heiligkeit“, andererseits wird, gerade wegen der Sakralisierung des Amtes, die Schuld sexueller Vergehen vom Amt auf den Amtsträger verlagert. So kann das Priesteramt weiter „heilig“ bleiben und die Person gemaßregelt werden. Da es aber lebenspraktisch immer eine Verquickung beider Persönlichkeitsanteile gibt, finde oftmals eine wirkliche Aufarbeitung der Verbrechen nicht statt. Die Überhöhung des Amtes und seines Trägers führt aber zu innerpsychischen Überforderungen der Person des Priesters.

Zusammengenommen mit dem sexuellen Reinheitsmythos des Priesters, dessen Anforderungen viele nicht gewachsen sind, kann dies den Priester in eine unheilvolle Lage bringen. Dies wiederum führt aber die verantwortlichen Bischöfe nicht dazu, die Theologie des Priesteramtes zu überdenken. Im Gegenteil: dass eine gehörige Zahl von Priestern nicht nur nicht sexuell enthaltsam lebt (deren Zahl mit Sicherheit sehr viel höher als die von sexuell Übergriffigen ist, dies aber weiter ein großes Tabu innerhalb der Kirche ist), sondern das gesellschaftliche Tabu der Unversehrtheit des kindlichen Körpers zu garantieren, bricht, bestätigt im Gegenteil die besondere Heiligkeit des Amtes einschließlich des Verbots sexueller Betätigung. Wer jetzt die Latte der Keuschheit (offiziell) nicht reißt, ist angesichts des Priestermangels sogar für höhere Ämter in der Kirche quasi prädestiniert, was wiederum als Katalysator für die herrschende Doktrin wirkt.

Stephan Goertz analysiert in seinem Aufsatz die Abwehrmechanismen für eine grundlegende Kirchenreform und somit der Rolle der Moraltheologie. Alle Schuld an der derzeitigen Misere werde der sexuellen Befreiung der 70er Jahre gegeben, die teuflisch raffiniert auch Einzug in die heilige Kirche genommen habe. Daran, so der Vorwurf, sei auch die nachkonziliare Moraltheologie schuld, sofern sie die Anpassung an den so oft geschmähten Zeitgeist vollzogen habe. Hätten sich nur alle an die Lehre der Kirche gehalten, hätte es auch keinen Missbrauch gegeben, so das zunächst einleuchtende Argument. Die Schuld an der Misere wird also wieder nicht „innen“ gesucht, sondern außerhalb des hermetischen klerikalen Machtsystems. Dabei übersieht diese Argumentationsweise, dass selbst in ultrakonservativen Priestergemeinschaften, die sicher nicht dem „Zeitgeist“ sexueller Befreiung hinterherlaufen, Missbrauch in beträchtlicher Weise stattgefunden hat. Die fließenden Übergänge von geistlichem Missbrauch und sexuellen Übergriffen sind im Übrigen bei weitem noch nicht untersucht, geschweige denn quantitativ erfasst.

Der vorliegende Band ist, wie gesagt, hervorragend erhellend. Und wenn der Autor dieser Zeile nicht alle Autoren erwähnt hat, liegt das nicht an deren nicht erwähnenswerten Argumentationslinien, sondern am Platz für eine lesbare Rezension.

Das Buch lässt den Leser aber leider auch mit unguten Gefühlen zurück. Dass einem bei machen „unheiligen“ theologischen Argumentationsfiguren regelrecht auch übel werden kann, ist wohl nicht zu vermeiden. Eines darf aber auf keinen Fall geschehen: dass nun die Scham der Verantwortlichen für Verbrechen und deren Vertuschung auf diejenigen übergeht, die wirklich unschuldig sind an der Misere: also alle „Laien“, die grundsätzlich fein säuberlich herausgehalten wurden (und werden) aus den Machtzentren klerikaler Eliten. Nicht „die Kirche“ hat versagt, sondern die verantwortlichen Bischöfe und die unheiligen Anteile der Amtstheologie.

Nein, das Buch sollte vielmehr Mut machen, nicht nachzulassen darin, die Missstände zu benennen und die neurotischen und pathologischen Anteile ihrer Amtstheologie angesichts der Missbrauchsfälle zu erkennen und anzuerkennen. Danke an die Autorinnen und Autoren für ihre Beiträge dazu! Und Danke an alle Überlebenden sexueller Gewalt durch Priester und Ordensangehörige für ihren Mut, ihr Schweigen zu brechen!

 

Dr. Andreas Heek, Leiter der Arbeitsstelle Männerseelsorge und Männerarbeit in den deutschen Diözesen e.V.

 

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