Prömper, Emanzipatorische Männerbildung.

Hans Prömper, Emanzipatorische Männerbildung. Grundlagen und Orientierungen zu einem geschlechtsspezifischen Handlungsfeld der Kirche. Schwabenverlag, Ostfildern 2003. ISBN 3-7966-1105-2. 494 Seiten, € 25,–.

 

Hans Prömper hat in mir die Überzeugung gefestigt, dass Männerarbeiter mehr von sich, von eigenen Erfahrungen sprechen sollten. Also: So lag eines Tages dieses gewichtige Werk (1 kg) in meiner Hand. Während die Muskeln des linken Armes das Gewicht spürten, die Fingerkuppen der rechten Hand über das sich sinnlich anfühlende Papier strichen, erkannten die Augen ein breites Spektrum an Informationen. Die ersten Stichproben – vor allem manch herrlicher Seitenhieb in den Fußnoten – steigerten die Freude auf das Lesen. Und so lag das Kilo Prömper einige Wochen prominent auf meinem Schreibtisch und harrte der Lektüre. Die periodische Aufräumaktion beförderte das Werk vorläufig an einen passenden Platz im Bücherregal, wo die 494 Seiten weiterhin auf ihr Studium warteten. So verging dann einige Zeit, bis ich im Sommer tatsächlich anfing zu lesen. Eigentlich hatte ich vor, manches schnell oder auch nur quer zu lesen, wie es eben üblich ist bei Werken solchen Umfangs. Ich konnte es nicht. Es war zu interessant, hatte Absatz für Absatz zu viel mit meiner Arbeit zu tun, um einfach nur drüber zu lesen. So war ich war ich letztendlich viele Stunden mit diesem Buch beschäftigt, aber es war eine wertvolle Zeit der Reflexion auf meine eigene Arbeit. Zugegeben, Teile des Buches erfordern zur Lektüre ein universitäres Bildungsniveau – es ist eben eine Doktorarbeit. Da kam dann der Philosoph in mir wieder einmal auf seine Kosten.

Das Bemerkenswerteste an dieser Arbeit ist vermutlich die Tatsache, dass sich ein Praktiker der (Männer)Bildung zwei Jahre Auszeit nimmt, um seine Tätigkeit im Rahmen einer Dissertation zu reflektieren und dann wieder in die Praxis zurückzukehren. Man merkt es der Arbeit an, dass sie nicht nur im Elfenbeinturm der Universität entstanden ist, auch wenn der Autor im theoretischen Teil schärfer urteilt, im praktischen hingegen ein richtiges Herz für die Männerarbeit zeigt. Der theoretische Teil reflektiert die ganze Bandbreite der heutigen Männerdiskussion und verschafft dadurch einen guten und gleichzeitig kritischen Überblick.

Ähnlich gibt auch der praktische Teil einen sehr guten und umfassenden Einblick in die verschiedenen Ansätze der vorhandenen Männerarbeit. Es ist für einen Praktiker gut zu hören, „dass ein zu großer Veränderungsdruck, der mit Totalinfragestellungen arbeitet, vermutlich nur verunsichert und Veränderungsbereitschaft blockiert.“ (S. 108) Moralisieren hat bekanntlich noch kaum einmal zu Veränderung geführt, sondern eher zu Abwehr und Rückzug. Hier spart Prömper auch nicht mit Kritik an den „MännerForscherPädagogInnen“, die aus dem geschützten Raum des Wissenschaftsbetriebs den Praktikern der Männerarbeit glauben vorgeben zu können, was richtig oder falsch ist: „Männerbildung verträgt wahrscheinlich keine ‚große’, einheitliche Theorie und kein universales Konzept. Es bedarf vielseitiger und pluraler Ansätze und Konzepte.“ (S. 57) Mit Recht weist der Autor darauf hin, dass damit keine Beliebigkeit begründet wird. Vielmehr sind die Praktiker aufgefordert, ihr Tun zu reflektieren und darüber Auskunft zu geben.

In diesem Zusammenhang lässt das Buch mehrere Pioniere der Männerarbeit zur Sprache kommen und schafft somit einen lebendigen Einblick in die Erfahrungen und Motive der ‚Akteure an der Front’. Es sind weitgehend Praktiker aus dem kirchlichen Raum, den Prömper historisch wie aktuell auf die Rahmenbedingungen für Männerarbeit abklopft. In der Breite der Reflexion ist seine Arbeit aber keinesfalls nur für kirchlich Interessierte lesenswert. Vielmehr werden verschiedene aktuelle Bildungsansätze im Hinblick auf eine zeitgemäße Männerarbeit fruchtbar gemacht.

Hans Prömper plädiert für eine Männerarbeit, die zutrauend und begleitend ist, Männer anregt, Erfahrungen zu machen und diese zu kommunizieren, die sie emotional unterstützt, die Handlungsfähigkeit erweitert und zu selbstbestimmter Alltagsbewältigung beiträgt. Sie soll Männern Dinge weniger vorgeben als ermöglichen, Erfahrungsräume und Vertrauen schaffen, in dem Subjektwerdung, Reflexion und Veränderung möglich sind. Sein Begriff „emanzipatorischer Männerarbeit“ zielt nicht auf eine Autonomie als Unabhängigkeit, sondern auf Selbstbestimmung in der Auseinandersetzung und im Miteinander – auch mit Frauen.

Ein anregendes Zitat zum Abschluss: „Gegenüber vorherrschenden Werten wie Leistung, Effektivität, Kontrolle, Macht, Dominanz, Unabhängigkeit, Status oder Geschwindigkeit geht es um die Neubewertung von zeitlicher Dauer, Schönheit, Muße, Empfindsamkeit, Mitgefühl; um die neue Balance von Krankheit und Tod, von Kindheit und Alter, von Liebe und Abhängigkeit; um die Wiederentdeckung des Heiligen, der Mystik oder auch des Kosmos als eines interdependenten Sinnzusammenhangs. Männerbildung ist so bestimmt Teil einer Revolutionierung der Arbeit und der sie einbettenden Kultur.“ (S. 261)

 

Markus Hofer

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