Rieger-Goertz, Geschlechter-bilder in der Katholischen Erwachsenen-bildung.

Stefanie Rieger-Goertz, Geschlechter-bilder in der Katholischen Erwachsenen-bildung. Reihe: Forum Bildungsethik, Bd. 3, W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld 2008. ISBN 978-3-7639-3653-3. 463 Seiten.

 

„Leerstelle Gender“, „Ausblendung von Geschlechterfragen“, „Genderthemen Fehlanzeige“, „Frauenfragen und Genderthemen sind sehr gering vertreten, sie scheinen kein Anliegen der Zeitschrift (und der KBE) zu sein“, „Ein Verband, der tief männlich geprägt ist“, „Geschlechtsspezifische Themen scheinen über weite Strecken ,von unten’ und ,von außen’ an die Redaktion der EB herangetragen zu werden“, „Geschlechtergerechtigkeit wird nirgendwo als Bildungsziel oder als Lernziel der Organisation KBE angesprochen“. Allein schon diese kleine Zitatensammlung macht deutlich: Die Autorin stellt der Katholischen Erwachsen-enbildung insgesamt, vor allem aber auch ihrem Dachverband KBE und der Zeitschrift Erwachsenenbildung ein eher schlechtes Zeugnis aus – in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit und einer gendersensiblen Theorie und Praxis. Nicht nur das macht das Buch lesenswert!

Stefanie Rieger-Goertz schlägt in der überarbeiteten Fassung ihrer Dissertation (Humboldt-Universität Berlin, Wiltrud Gieseke als Doktormutter) einen weiten Bogen. Sie kommt von der Theologischen Frauenforschung (lange Zeit war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin von Marie-Theres Wacker in Münster, z.B. Co-Autorin des Arbeitsbuchs Feministische Theologie), bleibt aber dort nicht stehen. Ihre konstruktivistische Sicht von Geschlecht als Doing Gender verknüpft die aktuellen Diskurse feministischer Theorie mit kritischer Männerforschung. Diesen Diskussionsstand konfrontiert sie im ersten Schritt mit den in lehramtlichen und anderen offiziellen Dokumenten der katholischen Kirche eingelassenen Ge-schlechterbildern, von Apostolischen Schreiben bis zu Arbeitshilfen und Richt-linien der Deutschen Bischofskonferenz. Die katholische Stimme zu Geschlechterfragen bewertet sie im Konzert der Moderne als „eigentümlich“ und „quer zu den meisten Ansatzpunkten“. Am ehesten sieht sie noch Verbindungslinien zum Differenzfeminismus und dem mytho-poetischen Männerdiskurs. Soziologisch zu erklärende Macht werde kirchlich und oft auch theologisch „naturalisiert“.

Damit kennzeichnet Rieger-Goertz allerdings auch eine innerkirchliche Bruchlinie! Will sich katholische Erwachsenenbildung zu Geschlechterfragen positio-nieren, gerät sie zwischen die Mühlsteine katholische Lehrmeinung einerseits und moderne Sozialforschung andererseits. Vielleicht ist dieses Dilemma der Grund für ihr Ausweichen vor dieser Entscheidung und die mangelnde Positionierung katholischer Erwachsenenbildung? Das ließe noch hoffen. Denn die geforderte Beteiligungsgerechtigkeit der Erwachsenenbildung kann die Geschlechterfrage auf Dauer kaum ausklammern, viel zu gering ist der Männeranteil bei den Teilnehmenden.

Der folgende Durchgang durch das entwickelte Selbstverständnis katholischer Erwachsenenbildung und ihre theologisch-anthropologische Begründungen münden in ein Plädoyer für das Offenhalten der Anthropologie. Es gehe nicht um ein Festschreiben von Menschen auf universelle Wesenseigenschaften, dieser Weg berge zahlreiche Fallstricke. Optionen für Chancengleichheit und Gerechtigkeit erforderten eher eine Subjektperspektive, welche Menschsein als Verheißung und Aufgabe begreifen, mit offenem Horizont jenseits geschlechtlicher Festlegungen.

Interessant sind nun ihre empirischen Analysen, welche etwa die Hälfte des Buches ausmachen und dieses damit zu einer einzigartigen Fundgrube für Genderanalysen der Erwachsenenbildung machen. Rieger-Goertz schaut in Wörterbücher und Einführungen der Erwachsenbildung als Wissenschaft, blickt in den Literatur- und Forschungsreport Weiterbildung und in die DIE-Zeitschrift – überall übrigens mit einem ähnlichen Ergebnis: Wenn Gender thematisiert wird, dann in der Regel als Frauenbildung; Männer und Männerbildung erscheinen als marginalisertes Feld, obwohl hier mittlerweile Konzepte vorliegen, welche sie zitiert und reflektiert. Ihre gendersensiblen Analysen der Organisation Katholische Bundes-arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (KBE) und ihrer Zeitschrift Erwachsenenbildung zeigen das zu Anfang zitierte Bild: Geschlechtergerechtigkeit und Gendersensibilität des Angebots scheinen kein Thema katholischer Erwachsenenbildung zu sein. Evangelische Erwachsenbildung und Volkshoch-schulen kommen hier besser weg.

Der letzte Teil ist eine Analyse des Programmangebots katholischer Akademien in Deutschland in den Jahren 1994 –2004. Hier geht Rieger-Goertz quantitativ vor und untersucht deren Veranstal-tungsangebot anhand der Programmhefte. Dabei bewertet sie einen Anteil von 5,54% des Programmangebots als geschlechtsspezifisch und gendersensibel, darunter insgesamt zehnmal mehr Frauenveranstaltungen als Angebote für Männer. Die Details sind sicherlich nicht nur für die betroffenen Akademien von Interesse, zeigen sie doch durchaus beachtliche Unterschiede.

Meine Bewertung des Buches: Äußerst lesenswert! Als Leiter eines städtischen katholischen Bildungs-werks frage ich mich zwar, wie repräsentativ eine Analyse der Akademien für die Katholische Erwachsenenbildung ist, haben sie doch unter-schiedliche Ziele, Lernfelder und Arbeitsformen. Aber aus der Perspektive des Männerbildners und Männerforschers freut mich, Stefanie Rieger-Goertz theoretisch als absolut anschlussfähig und in der Praxis als Männerbildung sehr unterstützend wahrzunehmen. Jetzt fehlt nur noch, dass möglichst viele Männer und Frauen in katholischer Erwachs-enenbildung diese Leerstellen und Einseitigkeiten in Genderfragen bemerken und angehen. Ein Beitrag zu mehr Geschlechtergerechtigkeit wäre es!

 

Hans Prömper

 

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