Müller, Männer als Opfer von Stalking.

Ines Müller, Männer als Opfer von Stalking. Eine kritische Betrachtung quantitativer Stalking-Studien unter dem Blickwinkel hegemonialer Männlichkeit (Kriminologische und sanktionenrechtliche Forschungen 14). Duncker & Humblot, Berlin 2008. ISBN 978-3-428-12442-8. 173 Seiten, € 68,–.

 

„Über männliche Opfer ist … noch wenig bekannt, bis auf die Tatsache, dass Männer den größten Teil der Opfer ausmachen“ (S. 17): eine nicht selbstverständliche Feststellung zu Beginn einer rechtswissenschaftlichen Dissertation, die aber gar nicht so juristisch erscheint (und auch für Nichtjuristen problemlos verständlich ist), sondern sich mit den empirischen Hintergründen eines noch jungen Straftatbestands, nämlich Stalking, auseinandersetzt. Was genau darunter zu verstehen ist, wird unterschiedlich bestimmt; deshalb widmet Ines Müller auch zwei Kapitel ihrer Arbeit der Definition und den Erscheinungsformen von Stalking. Grob gesagt geht es darum, dass eine Person eine andere über einen gewissen Zeitraum gegen deren Willen verfolgt (aus dem Wunsch nach Beziehung, Kontrolle, Rache etc.) und die verfolgte Person sich dadurch in ihrer Lebensführung beeinträchtigt oder gar gefährdet fühlt.

Wann aber wird eine solche Verfolgung als gravierend, als eine nennenswerte Bedrohung oder als Straftat eingeschätzt? Gibt es da bei Frauen und Männern Unterschiede? Auffallend ist, dass Männer laut einschlägigen Studien deutlich seltener Opfer von Stalking werden als Frauen, während sie sonst ja öfter von Gewalt betroffen sind.

Die These von Ines Müller lautet, dass hier statistische Verzerrungen vorliegen, konkret: „dass die Opferwerdung entgegen den Ergebnissen empirischer Untersuchungen gleichmäßiger zwischen den Geschlechtern verteilt ist“ (S. 43). Vor allem mit Blick auf das bekannte Konzept der hegemonialen Männlichkeit von Connell, aber auch unter Einbeziehung von anderer Männerforschung macht sie darauf aufmerksam, dass nach einem herkömmlichen Männerbild „Mann“ und „Opfer“ nicht zusammenpassen. Vielmehr wird noch vielfach quasi automatisch „Opfer“ mit „Frau“ und „Täter“ mit „Mann“ assoziiert.

Unter dieser Problemlage gibt sie zuerst einen Überblick über bereits vorhandene Forschung aus den USA, Großbritannien und Deutschland zum Thema Stalking. Schließlich geht sie anhand einer britischen quantitativen Studie und einer eigenen (m. E. wenig aussagekräftigen) Befragung von 186 Studierenden die einzelnen Ergebnisse durch: zur Betroffenheit von Stalking und wenn ja, wie dieses Stalking erfahren wurde.

Leider erfährt man dabei gerade nicht, ob die These von Müller stimmt, also ob Männer häufiger als angegeben in ähnlicher Weise wie von Stalking betroffene Frauen verfolgt werden und sich nur einfach weniger als Frauen deswegen als Opfer einstufen. Was Müller aber leistet, ist das Durchdenken möglicher Ursachen und Vorgänge, die bei Männern zu einer anderen Bewertung solcher Vorgänge als bei Frauen führen könnten; insbesondere ist vorstellbar, dass Männer die Aktionen von Stalkern als weniger bedrohlich empfinden als Frauen, dass sie es weniger mit ihrem Selbstbild verbinden können, sich als Opfer zu betrachten, und dass sie weniger bereit sind, sich an die Polizei etc. zu wenden – auch wegen „der eingeschränkten Bereitschaft anderer Personen, Vorfälle mit männlichen Opfern wahrzunehmen“ (S. 43 f.).

Eines jedenfalls schafft Müller mit ihrer Arbeit: „das Bewusstsein über das lange verdrängte soziale Problemfeld der männlichen Opfer“ zu stärken und „eine Anregung für weitere Forschung sowie eine Hilfe in der Arbeit und dem behördlichen Umgang mit den Opfern von Stalking“ zu geben (S. 19).

 

Martin Hochholzer

 

 

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