Fismer, Ein ganzer Mann

Raymond Fismer, Ein ganzer Mann, Entwicklung und Zukunft der Männlichkeit,
tredition Verlag Hamburg 2019

 

Der Autor, seit 2003 selbständig als Coach, Trainer und Moderator, hat ein Buch zur Entwicklung und Zukunft der Männlichkeit aus einer integralen Weltsicht geschrieben. Bei der integralen Weltsicht handelt es sich um eine umfassende Sicht auf den Menschen, die verschiedene An- und Weltsichten vereint.

Folgende Fragen leiten den Autor: Wohin entwickelt sich die Rolle des Mannes? Sind die Männer ein Auslaufmodell der Evolution? Oder kann ein zukunftsfähiger Typus eines neuen Mannes entwickelt werden? Der Autor nimmt uns mit auf eine Reise in die Entwicklungsstufen der Männlichkeit, vom Jäger und Magier bis zum postmodernen Mann. Eine neue Männlichkeit ist dann der integrale Mann.

Grundlegende Eigenschaften von Männlichkeit sind nicht zeitlos und unwandelbar, sondern jeweils in ihrem historisch gesellschaftlichen Kontext entstanden. Alle „Mannsbilder“, die im Laufe der Kulturgeschichte entstanden sind, sind jeweils vollfältige Ausdrucksweisen von Männlichkeit. Ein zukunftsfähiges Männerbild muss auf die bisherigen Entwicklungen aufbauen und das jeweils Beste integrieren.

Zunächst wird in der Einführung die Ganzheitlichkeit des Bewusstseins (individuelle Innenwelt, körperliche Außenwelt, kollektive Strukturen der Außenwelt – Gesellschaft, Sprache und Kultur) betont. Das heutige Bewusstsein ist ein anderes als vor 10.000 Jahren. Die Evolution des Bewusstseins vollzieht sich in einer bestimmten Stufenfolge unter Integration früherer Stufen.

Was heißt das für die Geschlechtsidentität? Männlichkeit ist nicht nur ein biologisches Phänomen, sondern auch psychologisch, kulturell und gesellschaftlich zu verstehen.

Bei der Förderung junger Männer kann es nicht nur um eine einmalige rituelle Initiation gehen, vielmehr ist eine kompetente Begleitung bei seinen vielen Entwicklungsstufen hin zu einem reifen Mann nötig. Der Autor beschreibt die Entwicklungsstufen des Bewusstseins (Biologie, Jäger und Magier, Helden, Mythen und Krieger, Gesetz und Ordnung, Modern und Postmodern). Beim modernen Mann hat der rationale Verstand die Herrschaft über das Bewusstsein übernommen. Er hat daher für Körperempfindungen und Gefühle wenig Zeit.

Die kulturelle Evolution hat im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder neue Antworten auf die Frage nach Männlichkeit hervorgebracht. Es gibt zahlreiche Männlichkeiten, vom Naturburschen zum ganzen Kerl, den Macher und den neuen Mann.

Beim integralen Mann wird versucht Vorhandenes zu verstehen und zu integrieren. Bisher wurden ehemalige Evolutionsschritte verlassen, der Mensch emanzipierte sich. In der Integralperspektive werden alle bisherigen Schritte als notwendige Wachstumsschritte anerkannt. Dann kann der Gegensatz von männlich und weiblich aufgelöst werden, die gereifte Persönlichkeit kann beide Qualitäten in sich vereinigen.

Situativ kann der integrale Mann die Facetten seiner Männlichkeit nutzen. So kann er die sich zum Teil widersprechenden Bestandteile seiner Persönlichkeit nebeneinander bestehen lassen und miteinander versöhnen. In dem Kapitel „Entwicklungsschritte zu einer neuen Männlichkeit“ wird betont, dass wenn es um das Bewusstwerden und Integrieren der eigenen Gewordenheit geht, ist die Selbsterkenntnis ein entscheidender Faktor zur Selbstentwicklung. Dann ist integrale Männerarbeit zuerst, eine regelmäßige Praxis zur bewussten Umgestaltung des eigenen Lebens zu entwickeln. Und am besten danach in den Erfahrungsräumen einer Männergruppe. Entweder als einmaliger Workshop oder als kontinuierlich begleitende Gruppe. Bausteine sind ebenfalls Initiation und Natur.

Zum Abschluss formuliert der Autor einige Fragen: Das Buch ist als Anfang und theoretisches Grundgerüst einer integralen Männerarbeit zu verstehen. Aber was bedeutet ein integrales Verständnis für die Jungenarbeit, für Schule, für die Männerpolitik, für das Verhältnis der Geschlechter?

Fazit: Das Buch beschreibt eine für mich grundlegend neue Art, über die Entwicklung von Männlichkeit nachzudenken. Nicht sofort für die praktische Arbeit umzusetzen, sondern für mich eher etwas zum Nachdenken und eine Einführung in die integrale Denkweise.

Jürgen Döllmann

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