Eder/Fischer (Hrsg.), „…männlich und weiblich schuf er sie…“

Sigrid Eder / Irmtraud Fischer (Hg.) unter Mitarbeit von Patrick Marko, „… männlich und weiblich schuf er sie …“ (Gen 1,27). Zur Brisanz der Geschlechterfrage in Religion und Gesellschaft (Theologie im kulturellen Dialog 16). Tyrolia-Verlag, Innsbruck – Wien 2009. ISBN 978-3-7022-2931-3. 326 Seiten, € 29,00.

 

Zwölf Wissenschaftlerinnen und sechs Wissenschaftler aus den unterschiedlichen theologischen Disziplinen von der alttestamentlichen Exegese bis zum Kirchenrecht sind in diesem Sammelband mit ihren Beiträgen versammelt, um „wissenschaftlich reflektierte Antwortversuche auf hochaktuelle Fragen rund um das Verhältnis von ‚Geschlecht‘ und ‚Religion‘“ (Klappentext) zu geben. Zurück gehen die Beiträge auf eine im Wintersemester 2007/2008 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz durchgeführte Vorlesungsreihe. Dass sich bei dieser Thematik mehr Theologinnen als Theologen zu Wort melden, verwundert kaum. Deutlich wird allerdings einmal mehr, dass theologische Geschlechterforschung weithin immer noch eine Domäne von Theologinnen ist. Bezeichnend auch, dass der im Vorwort erwähnte und Mitte der 90er Jahre eingerichtet Fakultätsschwerpunkt nach wie vor „theologische Frauen- und Geschlechterforschung“ heißt. Von einer tragfähigen und institutionell verankerten Männerforschung im Kontext von theologischer Geschlechterforschung – das zeigt auch dieses Beispiel – sind wir immer noch weit entfernt.

Wie mir wird es sicherlich auch anderen Leserinnen und Lesern bei der Lektüre gehen: Je nach eigener Profession und Neigung können es durchaus unterschiedliche Beiträge sein, die in diesem Sammelband besonderes Interesse finden. Bei mir war es zunächst Irmtraud Fischers überzeugendes, weil auch biblisch gut begründetes Plädoyer für eine gender-faire Exegese und Theologie, die „offen (ist) für die Spezifika und Differenzen der Geschlechter, ohne jedoch das männliche Geschlecht als Maßstab für das weibliche zu nehmen“ (S. 27). Dass das Umgekehrte ebenso gilt und das Weibliche nicht zum Maßstab des Männlichen wird, sei der Vollständigkeit halber hinzugefügt. Ein weiterer biblischer Beitrag stammt von Sigrid Eder. Hilfreich: Allen, denen ihre Dissertation (siehe hier) dann doch zu viel und zu anstrengender Lesestoff ist, bietet sie hier eine komprimierte und gut lesbare Darstellung ihrer Forschungsergebnisse. Sehr anregend fand ich ferner den Moraltheologen und Mediziner Walter Schaupp: Ausgehend von der vor allem in den 90er Jahren heftig diskutierten These einer spezifisch weiblichen Moral durch die amerikanische Entwicklungspsychologin Carol Gilligan stellt er die Frage nach einer „geschlechtsspezifischen Moral“ und liefert dabei auch einen spannenden Beitrag zur Natur-Kultur-Debatte um Geschlechtsunterschiede. Sein Fazit: Es gibt keine getrennten moralischen Welten, wohl aber geschlechtsspezifische Verhaltensdispositionen, die Grund für eine „individuell geprägte Performanz einer universell angelegten Moralfähigkeit“ (S. 140) bei Frauen und Männern sein können. In eine andere Welt fühlt man sich dagegen tatsächlich durch den Beitrag von Norbert Lüdecke versetzt. Nüchtern stellt der Bonner Kirchenrechtler fest, dass sich im kanonischen Recht „die Geschlechteranthropologie rechtlich in einer Geschlechterhierarchie“ abbildet, die Frauen zu „Minderlaien“ (S. 209 f.) macht. Schließlich will ich noch einen Artikel besonders herausheben, nämlich den religionspädagogischen Beitrag von Monika Prettenthaler und Wolfgang Weirer „zur geschlechtssensiblen Gestaltung von Glaubenskommunikation“. Es ist der einzige Aufsatz im Buch, der von einer Frau und einem Mann gemeinsam verantwortet wird. So entsteht ein inhaltlich ungemein dichtes, ein wirklich gender-faires Nachdenken darüber, wie die Religionspädagogik mit der Geschlechterdifferenz umzugehen hat und welche gender-sensiblen Kommunikationsformen notwendig sind, um Jungen und Mädchen zu erreichen. Mich persönlich hat dieser Beitrag sehr angesprochen, weil er exemplarisch zeigt, wie gender-faire Theologie in der Praxis aussehen und als dialogisches Geschehen betrieben werden kann.

 

Andreas Ruffing

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