Eder, Wie Frauen und Männer Macht ausüben.

Sigrid Eder, Wie Frauen und Männer Macht ausüben. Eine feministisch-narratologische Analyse von Ri 4 (Herders Biblische Studien 54). Herder, Freiburg u. a. 2008. ISBN 978-3-451-29784-7. 254 Seiten, € 60,00.

 

Theologische Dissertationen, zumal wenn es sich um Arbeiten aus dem Bereich der Exegese handelt, erleiden oft das Schicksal, dass sie von einem kleinen Spezialistenkreis gelesen resp. für nachfolgende Forschungsvorhaben ausgewertet, ansonsten aber in wissenschaftlichen Bibliotheken abgelegt und schnell vergessen werden. Auch die Aufnahme in eine renommierte wissenschaftliche Reihe wie etwa die vorliegende, von Hans-Josef Klauck und Erich Zenger herausgegebene Reihe „Herders Biblische Studien“ ändert daran in der Regel nichts. Im Falle der Dissertation von Sigrid Eder wäre das nun ausgesprochen schade, hat die Grazer Alttestamentlerin doch eine ausgesprochen anregende Arbeit vorgelegt, die nicht nur für das fachwissenschaftliche Gespräch von Interesse ist.

Eder analysiert in ihrer Arbeit am Beispiel des vierten Kapitels des Richter-Buches die dort dargestellten Machtkonstellationen im Geschlechterverhältnis. Im Kontext der kriegerischen Konflikte zwischen Kanaan und dem vormonarchischen Israel präsentiert die Erzählung zwei Frauen (Debora und Jaël) und zwei Männer (Barak und Sisera). „Wie spricht Ri 4 von Macht und wem schreibt der Text welche Art von Macht zu?“ (S. 13) ist die Leitfrage, der sich Eder in ihrer Arbeit stellt. Im einleitenden Teil werden grundlegende hermeneutische Fragen geklärt, Teil II stellt die methodologischen Grundlagen, Teil III führt in das Buch der Richter ein. In Teil IV, dem umfangreichsten Abschnitt, erfolgt eine detaillierte Analyse der Erzählung, bevor in Teil V eine abschließende Auswertung vorgenommen wird. Wie in Dissertationen üblich, enthält der Band ein Abkürzungs- und Literaturverzeichnis; beigefügt ist ebenfalls eine Arbeitsübersetzung von Ri 4.

Was nun findet die Autorin heraus? Zunächst, dass Frauen wie Männer in dieser Erzählung Macht haben, dass Frauen wie Männer gewalttätig sein und töten können, dass Männer wie Frauen unter Gewalt zu leiden haben. Ri 4 hilft so, Geschlechtsstereotype aufzubrechen, die Macht und Gewalt einseitig Männern bzw. Opferschaft und Ohnmacht allein Frauen zuschreiben wollen. Die Geschichte hilft ferner zu sehen, „dass Gewalt für alle Beteiligten, ungeachtet auf welcher Seite sie stehen, eine verletzende und zerstörende Kraft ist, die dem Leben entgegensteht“ (S. 229). So enthält die alte Geschichte, so blutrünstig und gewalttätig sie auch auf der äußeren Handlungsebene daherkommt, nicht nur eine gewalt-, sondern auch eine betont machtkritische Spitze: Macht, die Gewalt umschlägt, ist zutiefst destruktiv und lebensfeindlich. Dabei nimmt „die Erzählung in jeder Szene die Situation der Unterdrückung“ in den Blick, „indem sie den Blick jeweils auf die Unterlegenen lenkt, unabhängig vom Geschlecht und ungeachtet ihrer Zugehörigkeit zu Kanaan oder Israel“ (S. 229 f.). So ergreift der biblische Erzähler dezidiert Partei für die, die unter Gewalt zu leiden haben.

Die vorliegende Arbeit ist eine wichtige Lesehilfe zum Verständnis einer biblischen Erzählung, die wegen ihrer schonungslosen Darstellung von Krieg und Gewalt viele heutige Leserinnen und Leser auf den ersten Blick abschreckt. Eder öffnet zugleich den Blick dafür, wie aktuell eigentlich diese alte Geschichte um Macht, Gewalt und das Verhältnis der Geschlechter im 21. Jahrhundert ist. Es lohnt sich, die Dissertation der Grazer Alttestamentlerin auch „fachfremd“ zu lesen. Vor allen Dingen lohnt es sich aber, mal wieder die Bibel in die Hand zu nehmen, das Buch der Richter aufzuschlagen und erneut oder vielleicht zum ersten Mal die Geschichte von Debora und Jaël, von Barak und Sisera zu lesen, die in einer Zeit spielt, von der uns mehr als dreitausend Jahre trennen, und die uns dennoch in vielem, was sie erzählt, auch wieder sehr nahe ist.

 

Andreas Ruffing

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