Burbach/Döge (Hrsg.), Gender Mainstreaming.

Christiane Burbach/Peter Döge (Hg.), Gender Mainstreaming. Lernprozesse in wissenschaftlichen, kirchlichen und politischen Organisationen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006. ISBN 3-525-60425-4. 227 Seiten, € 24,90.

 

Gender Mainstreaming als neuer geschlechterpolitischer Ansatz wird seit einiger Zeit in Gesellschaft, Politik und Kirche diskutiert. Die Debatte verläuft dabei in weiten Teilen durchaus kontrovers: So manche in der Frauenbewegung engagierte Frauen befürchten, dass damit die klassische Frauenpolitik der 80er und 90er Jahre ausgehebelt wird. Andere – besonders Männer – wiederum argwöhnen, dass es genau diese Politik ist, die hier mit neuem Gewand, aber den alten Ideologien und Forderungen daherkommt. Und es gibt schließlich auch die Frauen und Männer, die ausdrücklich Gender Mainstreaming als einen zukunftsweisenden Ansatz begrüßen, weil es die Herstellung der Chancengleichheit von Frauen und Männern als Querschnittsaufgabe innerhalb von Organisationen zu einem Anliegen beider Geschlechter macht.

Die Debatte verläuft also durchaus kontrovers. Nicht selten gewinnt man dabei den Eindruck, ein bloßes Schlagwort vor sich zu haben, mit Hilfe dessen die Diskutanten heftig und gerne miteinander streiten, ohne aber dabei genau sagen zu können, wie denn nun im Einzelnen Gender-Mainstreaming-Prozesse konkret in Organisationen ablaufen und welche Erfahrungen die beteiligten Frauen und Männer damit machen. Immerhin: Seit das Konzept im Jahre 1999 durch die rot-grüne Regierung zur Leitlinie der Bundespolitik erklärt wurde findet es nicht nur in Bundes- und Landesbehörden oder in kommunalen Verwaltungen Anwendung, sondern auch in nicht-staatlichen Organisationen. Hier hilft der vorliegende Sammelband mit einem nüchternen Blick auf konkrete Gender-Mainstreaming-Prozesse weiter: Zusammengestellt sind einige Beispiele aus öffentlicher Verwaltung, Gewerkschaft, Verbandswesen und evangelischer Kirche, die zeigen, wie unterschiedlich in den einzelnen Organisationen der Ansatz verfolgt wurde, welche Hindernisse auftauchten und wo sich auch konkrete Erfolge zeigen. Aus diesen in Teil II (S. 39-120) dokumentierten Beispielen werden in Teil III (S. 123-182) konkrete Folgerungen gezogen, wie denn die Genderperspektive in unterschiedlichen Kontexten (u. a. Technik und Naturwissenschaft, Recht und Medizin) eingebracht werden kann. Als wesentliche Aufgabe kristallisiert sich dabei quer durch alle Bereiche immer wieder von neuem heraus, die Genderkompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Organisationen zu stärken. Für diese Genderbildung gibt es mittlerweile ein bewährtes Instrumentarium von unterschiedlichen Formen und Methoden, die Christine Burbach und Peter Döge in Teil IV (S. 185-212) übersichtlich zusammenstellen – eine Fundgrube für alle, die als Entscheider solche Prozesse in ihren Organisationen in Gang setzen wollen oder mit der konkreten Durchführung beauftragt sind. Die Unterscheidung in die drei Grundformen Gender-(Mainstreaming-)Informationsveranstaltungen, Gender-(Mainstreaming-)Workshops und Gender-Trainings im engeren Sinne bietet dabei ein hilfreiches Raster für die verschiedenen Bausteine. Eingeleitet wird der empfehlenswerte Sammelband mit zwei einführenden Beiträgen der Herausgeberin und des Herausgebers: Die evangelische Theologin Christine Burbach verknüpft mit Hilfe philosophischer, ethischer und theologischer Überlegungen die Begriffe Gender und Gender Mainstreaming mit den unterschiedlichen Facetten des Gerechtigkeitsverständnisses in der abendländischen Tradition (S. 15-24). Der Politologe und Männerforscher Peter Döge skizziert Gender Mainstreaming als einen gemeinsamen Lernweg von Frauen und Männern in Organisationen, macht aber zugleich deutlich, dass dieser Prozess nur dann in Gang kommen kann, wenn dabei der Schritt von einer Männerkritik zur Männlichkeitskritik vollzogen wird (S. 25-35). Interessant und diskussionswürdig sind sein Hinweis „zur latent vorherrschenden ‚Biophobie‘ vor allem in der bundesdeutschen Geschlechterforschung“ (S. 25), die zu einer kulturalistischen Verengung des Gender-Begriffes im Sinne des „sozialen Geschlechts“ geführt habe (S. 25), und der Vorschlag, Gender im Deutschen stattdessen mit „Geschlechterkultur“(S. 28) zu übersetzen, was auch eine „biologische Grundierung von Geschlechterverhältnissen“ (S. 25 f.) einschließt.

 

Andreas Ruffing

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