Merkle / Wippermann, Eltern unter Druck.

Tanja Merkle, Carsten Wippermann, Eltern unter Druck. Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten. Eine sozialwissenschaftliche Untersuchung von Sinus Sociovision GmbH im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung. Hrsg. v. Christine Henry-Huthmacher u. Michael Borchard. Stuttgart Lucius & Lucius, Stuttgart 2008. ISBN: 978-3-8282-0424-9. 243 Seiten.

 

Was ist heute ein guter Papa? Dazu liefert diese Sinus-Studie im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung differenziertes Mater-ial. Väter sind heute hochgeschätzt, viele Väter sehen sich selber in der gleichen Erziehungsverantwortung wie die Mütter. Aber ihr Rollenbild, also die Antwort auf die Frage „Was macht einen guten Vater heute aus“, das ist sehr vielfältig, wenn nicht sogar diffus! Je nach sozialem Milieu definieren sich Väter als „Familienvorstand“ (Etablierte), als „partizipative Erzieher“ (Postmaterielle), als „Feierabendpapa“ (bürgerliche Mitte) oder als „Geldverdiener und Chef“ (Konsummaterialisten).

Dahinter spürbar ist allenthalben ein großes Ausmaß an Druck, wenn auch manchmal sehr unterschiedlichem Druck. Da ist der Druck der Berufsrolle, die eigentlich 100% Arbeitnehmer verlangt und den Vätern keine Familienzeit lässt. Da ist der „Bildungsdruck“ in den gehobenen Schichten gegenüber ihren Kindern, welche Bildung zum Muss, zum unabdingbaren Medium sozialen Aufstiegs und der Abgrenzung nach unten macht. Da ist der finanzielle Druck in den unteren sozialen Milieus, der auch als Druck an die Kinder weitergegeben wird, statt Verständnis und Unterstützung geben zu können. Zudem zeigt die Studie in fast allen Milieus ein hohes Maß an Erziehungsunsicherheit: Elternschaft ist nicht nur eine mögliche Lebensoption unter vielen, sondern immer weniger Eltern wissen, wie das eigentlich geht!

Sichtbar werden kognitive Dissonanzen und Wertekonflikte bis zum Doppelleben von Männern. Der Rückzug von Erziehungsaufgaben, „Rückfälle“ in vormoderne Frauenbilder, die neue Attraktivität der Machos gerade in unteren sozialen Milieus werden ebenso deutlich wie Abstiegsängste und Unsicherheiten gegenüber zu selbstbewussten Frauen in der Bürgerlichen Mitte.

Erstmals werden Daten zu Migranten erhoben: deren Milieus sind in sich weitaus pluraler und disparater; sie zeigen vielfach ein höheres Konfliktpotenzial als die „deutschen“ Milieus – mit Erziehungs- und Vaterschaftskonzepten zwischen moderner, an Authentizität orientierter Elternschaft einerseits und religiösautoritären Werten und Geschlechterbildern andererseits.

Die Stärke der Studie „Eltern unter Druck“ liegt vor allem auch in Nachweis der teilweise äußerst heteronomen Entwick-lungen, Einstellungen und Modernisierungen in und zwischen den Milieus. Gegenüber der in Kreisen der kirchlichen Männerarbeit besser bekannten Volz/ Zulehner-Studie „Männer in Bewegung“ erscheinen hier die „MännerTypen“ in den einzelnen Milieus mehr und plastischer sozial verortet. Allein das Lesen der vielen Selbstaussagen zur Elternrolle ist sehr erhellend.

Ist „Väterbildung“ ein Förderprojekt der Mittelschicht?! Denn wenn „Bildung“ zum Medium der Entmischung, der sozialen Abgrenzung von oben nach unten wird, wie verorten sich dann Angebote der „Väterbildung“ in den jeweiligen Milieus?! Werden etwa auch sie zum Medium der Abgrenzung der „guten Papas“, der aufstiegsorientierten Eltern, die eben in Bindung, Bildung, Empathie und Wertschätzung ihrer Kinder investieren, wo die Unterschichtpapas eben „nur“ in PC-Ausstattung, Spielekonsole oder Designerklamotten investieren?

Dennoch bleibt angesichts des großen Drucks als Frage: Wo haben Männer, hier speziell Väter den Raum zu spüren und daran zu arbeiten, dass beides gleichzeitig nicht geht: Karriere/beruflicher Erfolg und Väterlichkeit/Erziehungskompetenz?! Was hieße hier Männerbildung?! Welche Lernräume einer le-bensfreundlichen, inneren Autonomie von Männern könnten und müssten entdeckt und unterstützt werden?

Wenn Bildungseinrichtun-gen mehr Menschen erreichen wollen, sollten sie bei Sinus in die Schule gehen! Dabei geben Merkle/Wippermann zu-nächst keine Tipps, wie es besser gehen könnte. Aber im Spüren der Fremdheit und der Distanz zu den nicht erreichten Zielgruppen liegt vielleicht der Anfang einer Öffnung. Einrichtungen der Eltern- und Männerbildung könnten lernen, dass viele ihrer Angebote sprachlich, auf der Ebene von Selbstausdruck und Kommunikation, in der Ästhetik ihrer Bildungsräume und Lernmaterialien oft nur ganz spezifische Milieus von Männern ansprechen, eben die Bürgerliche Mitte und die Postmateriellen!

 

Hans Prömper

 

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